Wochenandacht

für die Woche vom 27. September bis zum 3. Oktober


Predigt am Sonntag, 27. September, über Matthäus 15, 21-28,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider


Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Liebe Gemeinde,

es gibt ein paar wenige Geschichten von Jesus, die wir heute nicht mehr so richtig verstehen. Dies ist eine davon. An ihr bleibt etwas seltsam. Aber selbst davon können wir noch etwas lernen.

Jesus ist monatelang durch Israel gezogen und hat gepredigt, diskutiert und Menschen geheilt. Er hatte es zu einer riesengroßen Bekanntheit gebracht und wo immer er hinkam, kamen die Menschen gelaufen und mit ihnen viele, die in Not waren oder gelitten haben. Und immer hat er etwas gefunden, was ihnen geholfen hat. Manchmal wollte er sich auch zurückziehen, wenigstens einmal für einen Nachmittag oder Abend, und beten oder Ruhe finden, aber das hat nicht immer geklappt, weil man ihm von überall her nachgelaufen ist.

So hat er sich wohl irgendwann gedacht: Jetzt gehe ich über die Grenze, vielleicht habe ich dort ein bisschen Ruhe. Aber kaum ist er im Nachbarland, kommt schon wieder eine Frau gelaufen und ruft schon von Ferne, dass ihre Tochter krank ist und dass er sie bitte heilen soll. Es hatte sich schon bis weit über die Grenze herumgesprochen, dass er jemand ganz Besonderes war. Aber erst einmal sagt Jesus ihr: Also eigentlich passt das jetzt nicht, wenn ich hier auch noch zu heilen anfange.

Das ist der Punkt, den wir nicht mehr verstehen. Warum weist Jesus die Frau zurück? Er könnte sich zum Beispiel gedacht haben: Wenn ich jetzt hier auch noch anfange und berühmt werde, dann komme ich von hier so schnell nicht wieder weg, wo ich doch eigentlich lieber bald wieder zurück nach Israel will, oder besser gesagt: wo ich doch bald wieder zurück nach Israel muss, denn dort gehöre ich eigentlich erst einmal hin. Oder er könnte sich gedacht haben: Wenn sich das in Israel herumspricht, dass ich die sogenannten Heidenvölker, also alle die, die keine Juden sind, auch noch so behandle, dann werden die Leute daheim das nicht mehr verstehen und ich muss lauter blödsinnige Diskussionen führen, wenn ich wiederkomme, warum ich nicht dageblieben bin und so weiter.

Aber wie dem auch sei: So richtig verstehen wir nicht, warum Jesus die Frau zurückweist. Erst tut er ein bisschen so, als ob er sie nicht bemerkt hätte. Aber das funktioniert nicht. So schnell lässt sie sich nicht abspeisen. Und dann versucht er es mit einem Beispiel. Manche Familien haben ein Haustier, einen kleinen Hund zum Beispiel. Aber wenn die Familie zum Essen zusammenkommt, dann müssen die Hunde warten. So lange die Kinder noch hungrig sind, kriegen die Hunde nicht das Essen von den Kindern. So ist der Satz gemeint, den er zu ihr sagt. Er will damit sagen: Ich weiß, dass es überall Menschen in Not gibt, so lange diese Welt besteht. Aber erst einmal bin ich für die Menschen in Israel gekommen.

Die Frau lässt sich davon immer noch nicht beeindrucken. Sie antwortet ihm sehr gut, das muss man wirklich sagen. Sie sagt nämlich: Das stimmt, was du sagst. Aber manchmal fällt einfach etwas vom Tisch herunter, und das legt man den Kindern dann doch nicht mehr auf den Teller zurück zum Essen. Sondern dann kriegen die Haustiere eben doch schon etwas ab.  Damit gewinnt sie sozusagen das Herz von Jesus. Er wirft seine ganzen Absichten und Prinzipien, mit denen er eigentlich gekommen war, über den Haufen: Frau, dein Glaube ist groß. Und ihre Tochter wird gesund.

Was hat diese etwas seltsame Geschichte mit uns zu tun? Zunächst einmal das: So lange die Welt besteht, wird es überall Menschen in Not geben. Manche haben zu wenig Geld. Andere sind krank. Andere sehen keine Zukunft mehr. Und so könnte man noch viel mehr aufzählen. Das ist nicht auf ein Land oder auf eine bestimmte Gruppe von Menschen beschränkt. Das gab es zu jeder Zeit. Das gab es und gibt es an jedem Ort. Und was Jesus am Ende tut, ist, dass er sagt: Ja, und überall, überall wo es Glauben gibt, da gibt es auch meine Liebe zu den Menschen. Da lässt sich Gottes Herz überwinden, selbst wenn er zunächst geschwiegen hat oder ablehnend reagiert hat.

 

Denn das ist ein weiterer und ganz wesentlicher Punkt: Wir alle machen die Erfahrung, nicht immer zum Glück, aber immer wieder einmal, dass Gott schweigt, auch wenn wir ihn um etwas bitten. Er scheint es nicht zu beachten, wenn wir etwas brauchen. Wir bekommen den Eindruck, dass er unsere Not nicht sieht. Hat er uns vergessen? Will er uns bestrafen? Nein, nichts von alledem. Das zeigt uns diese Geschichte. Es ist nahezu die einzige Geschichte, wo Jesus einem Menschen in Not erst einmal sagt: Nein, jetzt tue ich jetzt für dich. Und wie ich vorhin schon sagte: Er muss Gründe dafür gehabt haben, aber wir verstehen sie nicht. So ist es bei Gott wohl immer wieder einmal, dass wir sagen müssen: Er muss wohl Gründe haben, aber wir verstehen sie nicht. Wir wissen es nicht, warum wir leiden müssen. Wir wissen es nicht, warum es dieses oder jenes Unglück gibt auf der Welt. Wir wissen es nicht, warum Gott manches Unglück überwindet und anderes nicht. Dieses Geheimnis gibt es nicht nur in der Geschichte, die wir heute gehört haben, sondern es gibt es immer wieder und bis heute.

Aber das Gute ist, dass die Geschichte damit nicht endet. Die Frau verliert nicht ihren Glauben an Jesus und geht wieder heim. Nein. Sie bleibt an Jesus dran. Sie sagt: Selbst wenn dein Grund für die Ablehnung das und das ist, dann heißt das noch lange nicht, dass du mich wieder wegschicken kannst. Denn selbst wenn es so wäre, wie du sagst, hast Du trotzdem noch eine Möglichkeit, mir zu helfen. Und dann gibt Jesus nach. Weil die Frau recht hat. Es gibt immer noch eine Möglichkeit bei Gott. Es ist niemals ganz zu Ende für uns bei Gott. Gott sagt zu uns nie ein endgültiges Nein. Ganz gleich, ob wir ihn verstehen oder nicht. Denn die Liebe, die in Gott ist, sie überwindet irgendwann alles. Vielleicht nicht gleich dann, wenn wir es meinen. Vielleicht nicht gerade so, wie wir es für richtig halten. Aber irgendwann passiert es: Gott wendet uns sein Herz zu. Gott wendet uns seine Liebe zu. Gott lässt uns nicht allein. Er hat uns auch vorher schon nicht allein gelassen, ja im Grunde waren wir auch dann nicht allein, als er noch geschwiegen hat. So wie Jesus ja auch bei der Frau war, als er ihre Bitte noch abgewiesen hat.

Allerdings muss man dazu auch sagen: Gott löst nicht alle Probleme dann, wenn wir es wollen. Gott löst auch nicht alle Probleme bereits in dieser Welt. Wenn man weiß, dass Gott niemals ein endgültiges Nein zu uns sagt, dann kann das auch bedeuten: Manches löst sich erst in der Ewigkeit. Dann aber richtig. Dann aber so gut und so endgültig, wie wir es uns von hier aus noch gar nicht wirklich vorstellen können. Deswegen lohnt sich der Glaube auch dann noch, wenn wir hier auf der Welt tatsächlich keine rechte Perspektive mehr haben. Denn die Welt hat nicht das letzte Wort über uns. Das hat Gott. So wie Jesus in der Geschichte auch.

Amen