Wochenandacht

für die Woche vom 25. Februar bis zum 2. März


Predigt am Sonntag, 25. Februar, über 4. Mose 21, 4-9,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider

Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.
Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

Liebe Gemeinde,

das Interessante an unserem Predigttext ist nicht so sehr die Geschichte, dass die Israeliten da sündigen und bestraft und wieder gerettet werden, sondern das Interessante ist, wie Gott das Problem mit den Schlangen auflöst. Moses soll eine Schlange aus Metall machen, das Bild einer Schlange also, und wer die anschaut, wird nicht sterben. Wieso denn das?

Die Ursprünge einer solchen Aktion liegen eigentlich im magischen Denken. Gegen etwas Starkes und Mächtiges muss man eine Gegenkraft mobilisieren. Die Gegenkraft muss noch stärker und mächtiger sein, dann hilft sie etwas. Gegen böse Geister muss man mächtigere gute Geister finden, die zu einem helfen. Gegen mächtige Tiere macht man Zeichnungen oder Bilder, oft auch von Tieren, die vielleicht von der gleichen Art sind, aber irgendwie mächtiger, vielleicht weil sie eine Art Urbild dieser Tierart sind. Es kann also auch helfen, wenn man gegen ein bestimmtes Wesen ein Bild des gleichen Wesens erschafft, das aber mächtiger sein soll und die realen Exemplare dieser Art kraftlos macht.

Das Interessante daran ist, dass hier so etwas gemacht wird. Moses vollzieht hier etwas, was in anderen Kulturen und bei anderen Völkern eine magische Praxis gewesen wäre. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die Herstellung der metallenen Schlange auch von anderen Kulturen und ihren Praktiken inspiriert worden ist. Und weiterhin ist interessant, dass Moses hier gegen das zweite Gebot verstößt, das er den Israeliten vorher selber gebracht hat: Man soll nämlich kein Bild machen, auch nicht von einem Tier. Und dieses Gebot hat seinen Grund darin, dass Tierbilder bei allen anderen Völkern für magischen Praktiken eingesetzt worden sind. In Israel sollte es so etwas nicht geben.

Hat Mose hier also gezaubert? Nein, hat er nicht. Warum nicht? Weil Gott selbst es ihm so befohlen hat. Weil Gott selbst dieses Hilfsmittel geschenkt hat und wirksam gemacht hat. Die eiserne Schlange allein ist ein Stück Blech. Sie allein kann gar nichts. Sie allein besitzt keinerlei Kräfte. Nur weil Gott durch sie wirkt, hat sie Sinn. Und er hat sich nun einmal so entschieden. Also geht diese Schlange auf Gott zurück, auch wenn Gott damit – für dieses Mal – sein eigenes zweites Gebot außer Kraft setzt. Das kann er deswegen, weil er gleichzeitig klar macht, dass es hier eben nicht um Zauberei geht, sondern dass die Rettung von ihm selber kommt.

In dieser Geschichte erfolgt eine Art Grundentscheidung über das Gebot, dass Menschen sich keine Bilder machen sollen. Diese Entscheidung lautet: Gott kann dieses Gebot auch aufheben, wenn er gleichzeitig deutlich macht, dass den Bildern selber keine magischen Kräfte innewohnen, sondern dass alles, was geschieht, von ihm selber herkommt.

Auf dieser Linie hat das Christentum weiter gedacht. Wenn Sie sich noch irgendwie an die Zehn Gebote erinnern, weil sie Ihnen allen schon irgendwo einmal begegnet sind, und sei es im Katechismus Martin Luthers, dann erinnern Sie sich vielleicht auch daran, dass das Gebot, sich kein Bild von etwas zu machen, dort doch eigentlich gar nicht vorkommt. Es ist tatsächlich so, dass im Original, also im Alten Testament, dieses Gebot, oder Verbot, das zweite der Gebote ist. Die Zehn Gebote im Christentum enthalten es aber nicht mehr. In den meisten Kirchen auf der Welt hat man es gestrichen. Es ist einfach weg. Das kann man machen, hat man sich gedacht.

Diese Entscheidung hat zeitweise große Diskussionen ausgelöst, die immer wieder einmal aufgeflackert sind, vor allem in den orthodoxen Kirchen des Ostens, wo man Ikonen verehrt, aber auch in der Zeit der Reformation. Man hat sich aber in den meisten Fällen dafür entschieden, dass Bilder gemalt werden oder Statuen angefertigt werden können, auch Bilder von Jesus, von dem man nicht weiß, wie er wirklich ausgesehen hat, und sogar zumindest symbolische Bilder von Gott, den man ja nun tatsächlich nicht sehen kann. Die Begründungen dafür waren diejenigen, die in der alten Geschichte von Moses und der eisernen Schlange schon einmal vorweggenommen worden sind.

Die erste Begründung, und es ist die weniger wichtige, war: Wir haben das ja mittlerweile verstanden, dass es nicht die Bilder selber sind, die irgendwelche übernatürlichen Kräfte besitzen. Wenn wir Bilder verehren, dann verehren wir in Wirklichkeit das, was hinter ihnen steht und die Abbildung hilft uns nur dabei, uns das besser vorzustellen. Also wir glauben, dass Jesus oder bestimmte Heilige selber gegenwärtig werden, unsichtbar natürlich, wenn wir uns mit Hilfe eines Bildes auf sie konzentrieren. Die Bilder helfen uns dabei. Sie erinnern uns, sie regen unsere Vorstellung an. Sie sind ein Hilfsmittel, aber sie sind nicht in sich selber göttlich.

Die zweite Begründung war die Wichtigere: Man hat ja nicht nur bei Moses und der Schlange gesehen, dass Gott sein eigenes Gebot außer Kraft gesetzt hat, sondern man hat es, und noch viel viel mehr, bei Jesus Christus gesehen. Gott ist doch als Mensch zu uns Menschen gekommen. Ihn konnte man sehen. Ihm konnte man begegnen wie jedem anderen Menschen. Er war gleichzeitig das Bild Gottes. Er war als Mensch und als Gott unter uns Menschen gegenwärtig. Das ist doch eine Aufhebung des Bilderverbots, und wieder durch Gott selber, und an der allerentscheidendsten Stelle. Jesus hätte man schon damals malen können, als er da war. Das hat man nun nicht, man ist nicht darauf gekommen. Aber dann malen oder schnitzen wir ihn eben im Nachhinein so, wie wir ihn uns vorstellen. Als Hilfsmittel, als Erinnerung, zur Anregung unserer Vorstellung.

Die alte Geschichte von Moses erzählt uns also indirekt von etwas ganz Zentralem unseres Glaubens. Alles, was wir sehen können: Sei es ein Kirchengebäude oder die Bilder und Statuen darin, seien es Brot und Wein beim Abendmahl, sei es das alte Buch der Bibel – alles, was wir sehen können, hat eine sichtbare und materielle Seite. Und es hat eine unsichtbare und, sagen wir einmal, spirituelle Seite. Zu dieser unsichtbaren Seite könnte man sagen: die sehen wir nur mit den Augen des Glaubens. Oder wir spüren sie. Oder wir begegnen ihr. Und im Glauben, da tut sie auch tatsächlich etwas für uns, oder mit uns. Da kommt Gott zu uns: zum Beispiel durch das Wort der Bibel, zum Beispiel in Brot und Wein, zum Beispiel wenn man sich in die Stephanskirche setzt und das Gebäude oder vielleicht sogar die Kunstwerke auf sich wirken lässt. Oder eine Kerze anschaut. Alles das kann zum Ausgangspunkt dafür werden, dass uns Gott selber begegnet. Es sind aber nicht die Steine, es ist nicht das Papier und so weiter. Um es deutlich zu sagen: Wenn ich das Buch der Bibel in der Hand halte, dann halte ich nicht automatisch das Wort Gottes in der Hand. Wenn ich in der Bibel lese und Gott mich durch einen Satz oder Gedanken anspricht, dann wird die Bibel für mich zum Wort Gottes. Es ist ein bisschen so wie bei den Gleichnissen, die Jesus erzählt hat. Da geht ein Sämann hinaus um zu säen. Da hat ein Mann zwei Söhne. Und so weiter. Das Wichtige daran ist nicht, dass da jemand einen Acker bepflanzt, sondern das Wichtige ist das, was dahinter steht, das Wichtige ist die Übertragung des Gleichnisses auf Gott und uns Menschen.

Alles Materielle ist ein Ausgangspunkt. Alles Materielle ist ein Hilfsmittel. Für sich allein genommen, ist es nicht so wichtig. Aber Gott kann sich seiner bedienen, um zu uns zu kommen. So war es schon mit Jesus. Und so geht es seitdem weiter. Daraus besteht der Glaube.

Amen