Wochenandacht

für die Woche vom 9. bis zum 15. Juni


Predigt am Sonntag, 9. Juni, über Epheser 2, 17-22,
von Pfarrer Walter Neunhoeffer

Liebe Gemeinde,

manchmal ist man ganz schön vergesslich. Ich erinnere mich noch sehr gut an ein Gespräch mit meinem Vater vor über 40 Jahren. Ich hatte mich als 19jähriger furchtbar benachteiligt gefühlt, weil ich bei einer Veranstaltung aus finanziellen Gründen nicht teilnehmen konnte. Ich beschwerte mich bitterlich, dass es alle anderen, insbesondere meine Geschwister besser hätten, dass ich sowieso immer als jüngstes Kind zu kurz gekommen wäre und vor allem mein einer Bruder, ständige Unterstützung der Eltern bekäme.

Mein Vater blieb trotz der harten Vorwürfe ganz ruhig. Er nahm sich die Zeit, um mir die finanzielle Situation zu erklären, warum eine momentane Unterstützung für die mir so ersehnte Veranstaltung nicht möglich sei. Er erinnerte mich daran, wie oft mir schon Dinge ermöglicht wurden und in welch schwieriger gesundheitlicher Situation mein Bruder sei, so dass er eben auch mehr Hilfe brauche.

Vielleicht weil mein Vater ganz ruhig geblieben ist, mich nicht ausschimpfte, was ich für ein undankbarer Sohn sei, sondern sich wirklich Zeit für mich nahm, bewirkte er eine Veränderung, an die ich mich noch nach so langer Zeit erinnere. Mein Zorn verrauchte, die Veranstaltung, zu der ich gerne wollte, sie mir aber nicht leisten konnte, war nicht mehr wichtig und ich war wirklich dankbar, zu meiner Familie zu gehören.

Diese Erinnerung tat mir sehr gut.

Mit dem heutigen Predigttext aus dem Epheserbrief bekommen wir auch eine Erinnerung, von der ich meine, dass sie uns gut tut:

Jesus Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinander wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist. (Epheser 2, 17-22)

Der Apostel erinnert uns heute an eine große Würde, die uns durch Jesus Christus zugesprochen wird: „Ihr seid nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“

Welch großartige Zusage dies ist, spürten die Gemeinden des Epheserbriefes unmittelbar. Durch ihren neuen Glauben hatten sie sich von ihrem bisherigen heidnischen Glauben entfremdet. Sie gehörten nicht mehr dazu und spürten vielleicht auch selbst, dass die Riten, die Werte, das Leben in der bisherigen Gemeinschaft nicht mehr richtig zu ihnen passte. Aber zu der neuen Gemeinde gehörten sie auch nicht richtig. Auch dort wirkte so vieles fremd. Die Gemeinschaft verstand sich so gut, schien sich in der Bibel hervorragend auszukennen, war in ihrem Glauben so sicher. Freilich wurde man freundlich behandelt, aber trotzdem fühlte man sich nicht ganz dazugehörig.

In dieser Situation bekommen sie die Zusage durch den Apostel: „Ihr gehört ganz zu Gott!“ Was für eine Befreiung für alle, die sich ein wenig unsicher fühlen. Was für eine Mahnung für alle, die schon wie selbstverständlich dazugehören, die, die dazukommen, nicht von oben herab und besserwisserisch zu behandeln.

„Ihr seid nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“

Was für eine großartige Zusage für alle, denen das Gefühl gegeben wird, nicht zu genügen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Mutter. Ihr Kind tat sich furchtbar schwer in der Schule. Es gehörte immer zu den Schlechten und definierte sich schließlich selbst nur noch über die Defizite. „Ich kann nichts!“, dachte das Kind über sich selbst. Das tat den Eltern in der Seele so weh, dass man sich zu einem Schulwechsel entschloss. Nun ist das Kind befreit, genügt den Anforderungen, ist vor allem wieder fröhlich und sieht nicht nur das, was es nicht kann, sondern das, was es kann. Es hat das Gefühl, ganz dazuzugehören.

„Ihr seid nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“

Für den Apostel des Epheserbriefes ist dies eine Zusage, die das Potential hat, Frieden zu stiften. Unterschiede werden nicht unter den Teppich gekehrt, aber sie werden nicht mehr als trennend empfunden, sondern als bereichernd. Dadurch kann Spaltung überwunden werden.

Diese Zusage dient dem Frieden, weil es für den Apostel zur Bürgerpflicht und zur Aufgabe der Hausgenossen Gottes gehört, am Haus des Friedens mitzubauen. Das heißt konkret, dass ich selbstbewusst genug bin, mich einzubringen, mich nicht wegzuducken, dranzubleiben, meinen Beitrag für den Frieden zu leisten.

Das heißt konkret, auch den anderen ernst zu nehmen, nicht zu meinen, nur ich weiß, wie es gut ist, dem anderen zuzuhören, mit ihm diskutieren, mit ihm nach guten gemeinsamen Lösungen zu suchen. Das mag mitunter mühsam sein, doch dient es dem Frieden, noch dazu, weil es nicht im luftleeren Raum geschieht, sondern sich daran orientiert, wie sich Jesus Christus den Menschen zugewandt hat.

Die Erinnerung tut gut, weil man doch immer wieder in der Gefahr steht, die Würde, die einem zugesprochen wird, nicht mehr zu schätzen oder sie als so selbstverständlich hinnimmt, dass sie auch an Bedeutung verliert.

Mir hat es als 19jähriger gutgetan, von meinem Vater erinnert zu werden, so dass ich das, was mir alles geschenkt war, wieder neu schätzen konnte.

Mir tut die Erinnerung des Apostels gut für meinen Alltag, dass ich selbstbewusst und demütig zugleich den Menschen begegnen kann, mit denen ich es zu tun bekomme.

Mir tut gerade heute am Tag der Europawahl so eine Erinnerung gut. Mir wird bewusst, welch großartige Idee mit der Europäischen Union verwirklicht wurde. Und auch wenn es manchmal mühsam ist, so dient diese Idee doch dem Frieden, weil es so viele Menschen zu Mitbürgern und Hausgenossen macht.

Es ist eine Idee, die es nicht verdient hat, mit Füßen getreten und schlecht geredet zu werden, sondern die es vielmehr verdient hat, an ihr weiter zu bauen als Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Amen.