Wochenandacht

zum neuen Jahr 2026


Predigt am 1. Januar über die Jahreslosung Offenbarung 21,5
von Dekanin Sabine Hirschmann

 

Siehe, ich mache alles neu!

 

Liebe Gemeinde,

„Siehe, ich mache alles neu! – so lautet die Jahreslosung für das neue Jahr. Früher dachte ich, dass die Bibelverse tatsächlich ausgelost werden und war dann immer gespannt, was so eine zufällige Losung mir das Jahr über sagen kann. Heute weiß ich, dass sie mit Bedacht von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen ausgesucht wird. Schon 3 Jahre im Voraus. Die Faszination hat die Jahreslosung für mich dadurch nicht verloren… Wie wird sie mich durch das Jahr begleiten? Was werde ich am Ende des Jahres mit ihr erlebt haben?

„Siehe, ich mache alles neu!“ – „Mich stresst sie jetzt schon“, sagt eine Kollegin gestern am Telefon. Wir wollten eigentlich nur was Dienstliches klären. Aber vieles, was wir gerade dienstlich tun hat mit Veränderung zu tun, mit Neuland und Aufbrüchen. „Kirche wird in Zukunft eine andere sein“, sagt unser Landesbischof. Und das Neue hat schon längst begonnen. Das strengt an!

 „Alles neu – ständig neu – wir wissen doch schon gar nicht mehr wohin, mit all dem Neuen.“ So die Kollegin!

„Ich will ja gerne mit Herzblut gestalten“, sagt sie weiter. „Aber meine Kräfte sind begrenzt und mein Kopf kann manchmal all das Neue gar nicht fassen.“

„Ich möchte gerne einmal einen Augenblick lang in Ruhe gelassen werden: von all den Veränderungsprozessen und den Alles-muss- neu- und Ganz-anders-Werden.“

Und ich denke mir: „Ja, genauso ist es! Neues ist zwar notwendig in unserer Kirche – natürlich. Aber es ist halt so unglaublich anstrengend, Altes loszulassen, sich neue Bilder von Kirche zu erarbeiten und dann Veränderungen anzustoßen und zu begleiten.“

Ich möchte gerade zwischen Ende und Anfang eines neues Jahres einfach mal einen Augenblick lang in Ruhe gelassen werden. – Aber dieses „Siehe, ich mache alles neu!“ lässt mich nicht in Ruhe.

 

Hören wir aus der Offenbarung Verse rund um die Jahreslosung:

Und da das Lamm das siebte Siegel öffnete, war eine Stille in dem Himmel etwa eine halbe Stunde lang (Offb 8,1).

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel kommen, wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu.

 

Und da das Lamm das siebte Siegel öffnete, war eine Stille in dem Himmel etwas eine halbe Stunde lang (Offb 8,1).

Da beschreibt die Offenbarung des Johannes, das was ich mir so sehr wünsche: einen Augenblick der Ruhe. Ein für einen Augenblick in Ruhe gelassener Himmel! Der gesamte Himmel, alles, wirklich alles still. Und eingebettet in diese Stille hinein: Siehe, ich mache alles neu!

In den 21 langen Kapiteln der Offenbarung des Johannes ergreift Gott nur an zwei Stellen selbst das Wort. Gleich zu Beginn, wo er sagt:

Ich bin das A und das O (Offb 1,8), Anfang und Ende und hier: Siehe, ich mache alles neu (Offb 21,5).

Zwei kurze Ansagen – Losungen - direkt von Gott: Ich bin das A und das O und Siehe, ich mache alles neu. Und das heißt doch: Gott umfasst alles, Raum und Zeit, Himmel und Erde.  Und in dieser alle und alles umfassenden Kraft, die Gott hat, macht er alles neu.

 

Die Stimme Gottes aber, die zu hören, zu spüren, zu schauen – dazu braucht es Stille – einen Augenblick lang Ruhe – eine halbe Stunde Stillstand…

Da war eine Stille in dem Himmel etwas eine halbe Stunde lang und dann, dann kann Johannes gar nicht anders als in Bildern von dem reden, was ihm durch die Stimme Gottes aufgegangen ist.

Das, was er sieht, ist nichts weniger als ein neuer Himmel und eine neue Erde (Offb 21,1), der jetzt Wirklichkeit wird.

Er sieht in der Gegenwart als Möglichkeiten Gottes eine Welt, in der das Meer nicht mehr ist (Offb 21,1). Es steht nicht mehr ein Meeresabgrund, nichts Trennendes und Zerstörendes mehr zwischen den Menschen.

Johannes sieht eine Welt, in der Gott mitten unter den Menschen aller Völker wohnt (Offb 21,3),

eine Welt, in der Gott sich jedes einzelnen Menschen annimmt und alle Tränen abwischt (Offb 21,4). So macht Gott alles neu.

Das ist kein Bruch mit der Vergangenheit. Im Gegenteil, jede Träne, jedes einzelne Leid wird erinnert, getröstet,

versöhnt. Gottes neue Welt, sie beginnt dort, wo wir des Trostes bedürfen; wo wir keine Kraft mehr haben, wo wir nur noch in Ruhe gelassen werden wollen, weil das viele Neue uns fordert – zuweilen auch überfordert. Da beginnt Gott zu wirken. Da macht er sich auf den Weg – da macht er neu. Dort, wo meine Möglichkeiten abbrechen – da zeigt sich, dass die Möglichkeiten Gottes noch lange nicht am Ende sind!

„Ich möchte gerne mit Herzblut gestalten“, sagt der Kollege. Und mir geht jetzt langsam auf, was die Jahreslosung mir sagen will: Ja gestalte! Mit Herzblut! Mit deiner kleinen Kraft und mit deinem manchmal so vollen Kopf. Wage den Neuaufbruch, denn: „Alles kann werden“. „Alles wird sogar werden!  Oder wie Luther es sagt: Das Leben ist kein Sein – sondern ein Werden. Wir sind es noch nicht – wir werden es aber. Wir als Kirche sind kein Sein, keine fest geschriebene Organisation sondern ein Werden – ein miteinander werden im Vertrauen darauf, dass der der Herr der Kirche uns begleitet in unseren Auf-, Um- und sogar Abbrüche. Er ist ja da – Anfang und Ende – Jesus Christus – Fundament der Kirche – gestern – heute und derselbe auch in Ewigkeit – und auf das Fundament kann gebaut werden, immer wieder – immer wieder anders.

Liebe Gemeinde,

Siehe ich mache alles neu! Jahreslosungen können unterschiedlich gehört werden – für eine jede und für einen jeden von uns. Ich habe Ihnen aus dem Leben einer Dekanin erzählt – ich bin gespannt, was Sie hinter diesen Worten hören und sehen. Das mag ganz anders sein. Aber vielleicht könnten wir uns in einem Punkt treffen:

In der Zeit für Stille - Zeit für Ruhe, Zeit für Gott – genau dann, wenn wir keine Zeit haben oder einen vollen Kopf oder ein verzagtes Herz. Stille, das scheint mir doch die Voraussetzung dafür zu sein, zu sehen und zu entdecken, wo Gott am Werk und am Wandeln ist – wo Veränderung zum Guten passiert – was er ohne mein Zutun im Leben Gutes geschehen lässt und wozu er meine Kraft braucht. „Denn ich möchte ja gerne mit Herzblut gestalten“.

Eine halbe Stunde Stille  - oder mehr oder weniger. Eine Kirche ist übrigens ein guter Raum dafür oder weiter gedacht, darin sind wir gerade Kirche, dass wir uns miteinander Zeit nehmen für Gott, dass wir uns voneinander erzählen, was uns trägt UND was uns die Jahreslosung schauen und hoffen lässt.

In diesem Sinn  - liebe Neujahrsgemeinde -  ein gesegnetes, immer wieder mit Zeiten der Stille durchwirktes und von vielen guten Bildern und Hoffnungen getragenes Neues Jahr.

Amen