Wochenandacht

für die Woche vom 1. bis zum 6. Februar

Predigt am Sonntag, 1. Februar, über Offenbarung 1, 9-18,
von Pfarrer Walter Neunhoeffer

 

Liebe Gemeinde,

manchmal kann man sich ganz schön ohnmächtig fühlen. Wenn ich in die Welt schaue und sehe, wie die ganze Welt von einer Handvoll alter Männer ständig in Atem gehalten wird, kommt bei mir ein Ohnmachtsgefühl auf.

Andere Menschen fühlen sich ohnmächtig ihrer Krankheit ausgeliefert.

Wieder andere finden keinen Weg aus Streit und Missverständnissen und verharren in Sprachlosigkeit.

In diesem Gefühl der Ohnmacht können einem Gedanken kommen wie:

Hat es überhaupt noch einen Sinn, sich zu engagieren und sich solidarisch zu verhalten?

Lohnt es sich immer wieder das Gespräch zu suchen?

Kann ich überhaupt noch glauben?

Vielleicht hat der Seher Johannes ähnliche Gedanken. Die Christen wurden verfolgt. Die Wiederkunft Christi, von der die ersten Christen überzeugt waren, dass diese noch zu Lebzeiten  stattfinden würde, ließ auf sich warten. Es war nicht leicht, am Glauben festzuhalten. Johannes führt es auf die Insel Patmos. Dort hat er eine besondere Begegnung. Hören Sie aus dem ersten Kapitel der Offenbarung des Johannes:

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.

Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offenbarung 1,9-18)

Johannes ist überwältigt von der Macht Christi. Alle Superhelden dieser Welt sind nur ein Abglanz. Wie schön wäre es, Macht zu haben, das Böse zu bekämpfen und zu besiegen. Ein Traum, der in uns lebt und schon vielfach verfilmt wurde.

Gehe ich aus der Vision des Johannes hinaus , wie aus einem Kinofilm und denke: „Schön wär’s!“?

Mir sind zwei kleine Details aufgefallen, die die Vision des Johannes aus dem Traum „Schön wär’s“ in die Wirklichkeit der Welt und in die Wirklichkeit eines und einer jeden von uns holen können.

Das erste Detail: Johannes muss sich umdrehen, um zu sehen, wer mit ihm spricht. Er sieht den Menschensohn in seiner ganzen Herrlichkeit. Der Menschensohn ist also hinter ihm. Ich deute das so: Gottes Macht und Gottes Herrlichkeit geben Rückenstärkung.

Die Vision von einer gerechten Welt gibt vielen Menschen die Kraft, sich einzusetzen, nicht aufzugeben, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Ich bin zutiefst beeindruckt, dass junge Menschen, auch Jugendliche aus unserer Gemeinde, nächstes Wochenende eine Klimatagung auf die Beine stellen, um zu zeigen, dass sie die Schöpfung Gottes noch nicht aufgegeben haben.

Die Vision der Macht Gottes im Rücken gibt Menschen die Kraft, andere auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Ich bin zutiefst beeindruckt, was in der Hospizarbeit und auf der Palliativstation geleistet wird. Wenn man dorthin kommt, empfängt einen eine Atmosphäre tiefen Friedens trotz der Gegenwart des Todes. Da ist offensichtlich eine noch viel stärkere Macht im Hintergrund.

Die Vision der Macht Gottes sieht den Menschensohn, dessen Angesicht wie die Sonne leuchtet. Das erinnert mich an den aaronitischen Segen, den wir am Ende des Gottesdienstes empfangen: „Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Gott lasse sein Angesicht leuchten auf dich und gebe dir Frieden.“ Das Wissen im Hintergrund , dass Gottes Barmherzigkeit und Frieden mir gilt, lässt mich barmherziger werden und nach Wegen der Versöhnung suchen. Ich habe große Hochachtung vor der Arbeit von Mediatorinnen und Mediatoren, die mit ihren Klienten ganz konkrete Schritte aus Streit, Missverständnis und Sich-Nicht-Beachtet-Fühlen suchen und Gott sei Dank auch immer wieder finden.

Der Menschensohn in all seiner Herrlichkeit und Macht steht hinter uns und stärkt uns den Rücken für die Herausforderungen unseres Lebens.

Das zweite Details: Als Johannes von der Macht Gottes überwältigt war, fiel er vor ihm hin und war wie tot. Da legte dieser mächtige Menschensohn seine Hand auf ihn und sprach: „Fürchte dich nicht!“ Gottes Macht fegt über mich nicht hinweg. Gott sieht mich kleinen, unbedeutenden und ohnmächtigen Menschen.

Gott berührt mich und richtet mich auf mit den Worten: „Fürchte Dich nicht!“ Ich denke an einen Mann, der einen Blick für seine alte, ziemlich einsame Nachbarin entwickelte. Es begann damit, dass er sah, wie sie sich abmühte, die Mülltonne rauszustellen. Für ihn war es kein Problem, dies für sie zu tun. So kamen sie ins Gespräch. Er merkte, wie einsam sie war. So beschloss er, sie mit zum Einkaufen zu nehmen. Es wäre einfacher gewesen, für sie einzukaufen. Doch das hilft ihr ja nicht aus ihrer Einsamkeit. So fahren sie also einmal die Woche zusammen zum Einkaufen. Die alte Dame trifft dann oft viele Bekannte und braucht deshalb viel länger als er . Er meint dann mit einem Lächeln: „Dann trinke ich eben noch eine Tasse Kaffee, bis sie es auch geschafft hat.“

Gottes Macht fegt nicht über uns hinweg, sondern sieht uns, berührt uns und sagt: Fürchte dich nicht! Ich weiß, was Du brauchst.“

Ob Johannes einen Sinn für diese Details hatte oder sich im Traum der alles überwältigenden Macht verlor?

Ich denke, für seinen Glauben waren diese Details wichtig, weil er dadurch doch Jesus Christus wiedererkannte, der selbst zum Spielball der Mächtigen geworden war, der auch den Tod auf sich genommen hatte und den Tod besiegte. Er hört Christus sagen: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

Daran will ich mich erinnern, wenn ich mich mal wieder so richtig ohnmächtig fühle, mich frage, ob ich überhaupt etwas ausrichten kann, dass es Jesus da ist, mir den Rücken stärkt, mich sanft berührt und sagt: „Fürchte Dich nicht!“

Amen.