Wochenandacht

für die Woche vom 18. bis zum 24. Januar


Predigt am Sonntag, 18. Januar, über Jeremia 14, 1-9,
von Vikar Ferdinand Billharz

Liebe Gemeinde,

vor ein paar Tagen saß ich mit einem Glas Wasser an meinem Schreibtisch. Von dort kann ich, wenn ich mich etwas nach links lehne, auf die Dächer der Häußer der unteren Seelgasse und des Stephansbergs schauen. Sie waren mit Schnee bedeckt, draußen war es noch kälter als heute hier drinnen.

Ich öffnete die Nachrichten und stieß auf eine Meldung: 2025 war das drittwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Klimawandel – fast wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten.

Gerade in diesen kalten Winterwochen, die uns sogar Schnee gebracht haben, wirkt das Thema weit weg. Aber es ist nicht weg.

Ich merkte, wie ich zwischen Resignation und Verdrängung schwankte. Ist doch eh zu spät. Meine Mühen richten nichts aus. Dann lieber wegschauen.

Aber: Ich bin eben nicht nur verstrickt. Ich bin auch beteiligt.
Mein Büro hatte wohlig warme 23 Grad. Ich mache kleine Arbeiten mit einer KI – das ist bequem, aber braucht sehr viel Energie. Ich kann nicht nur auf „die anderen“ zeigen. Ich bin selbst Teil dieses Lebensstils.

Es fühlt sich an wie ein Hamsterrad, das wir immer schneller drehen – und ich sehe keinen Ausweg.

Eine Person die mich dabei gut verstehen kann ist Jeremia. Wir hören seine Worte.

 

TEXT

1Dies ist das Wort, das der Herr zu Jeremia sagte über die große Dürre: 2Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. 3Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. 4Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. 5Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. 6Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.

7Ach, Herr, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. 8Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? 9Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, Herr, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

 

JEREMIA

Jeremia erlebt kein Wetterereignis, sondern eine Umweltkatastrophe. Die Städte gehen zugrunde, die tiefsten Brunnen trocknen aus. Sogar die Tiere sterben. Wo Wasser fehlt, fehlt Hygiene, fehlt Leben, fehlt Zukunft. Die Dürre entzieht dem ganzen Land die Existenzgrundlage.

Jeremia klagt zu Gott. Er ist der Auffassung, dass das Volk an seinem Schicksal selbst schuld ist. Dass die Dürre eine Folge seiner Sünden ist.

Und an dieser Stelle möchte ich ausdrücklich sagen: Ich glaube nicht, dass der Klimawandel von Gott als Strafe geschickt wurde. Er ist die Folge von Naturgesetzen und physikalischen Vorgängen, die die Menschheit in Gang gesetzt hat.

Und doch fiel mir eine Parallelität ins Auge: Jeremia klagt über eine Not in der Natur, die mit menschlichem Verhalten zusammenhängt – und wir erleben das heute auch. Wir ernten die Folgen unseres Lebenstils.

Jeremia findet erst einmal keine Lösung. Er bietet nicht einmal Trost. Er klagt. Er macht die Not laut.

Denn das ist das Erste, was dieser Text uns erlaubt: Klage.

Klage ist der Gegenpol zum Wegschauen: Ich rede mir die Welt nicht schön – ich rede sie Gott hin.

 

KLAGE IST GLAUBE

Jeremia bringt Gott das Leid hin – und gewinnt so inneren Raum, klar zu sehen.

Er erkennt: Er kann keinen Regen erzwingen. Und er kann Gott nicht „beanspruchen“, als hätte er ein Recht darauf. Aber sein Glaube an einen guten Gott lässt ihm die Hoffnung, dass Gott ihm hilft, obwohl er es nicht verdient hat. Obwohl das Land selbst schuld ist. Einfach, weil ein guter Gott eben gut ist.

Und Jeremia erkennt noch etwas, was uns im Klimathema so oft lähmt: Er steht in einer Schicksalsgemeinschaft. Er kann das nicht allein wenden – und ist doch nicht aus Verantwortung entlassen.

 

FALSCHE AUSWEGE

Ich sehe in diesem Text zwei falsche Auswege, die auch mir vertraut sind.

Der erste wäre Resignation: „Ich kann eh nichts ausrichten.“ Das entlastet kurz – aber es führt ins Leere.

Der zweite wäre Selbsterlösung: „Dann muss ich eben allein für alle handeln.“ Das klingt stark – aber es wird zum Erlösungsdruck und überfordert.

Er entscheidet sich für einen dritten Weg. Er klagt vor Gott, bekennt den eigenen Anteil an der Katastrophe und bittet Gott um Hilfe.

Und ich glaube: Gerade dieser dritte Weg macht ihn wieder handlungsfähig.
Weil er erkennt: Es hängt nicht an mir allein. Ich bin nicht der Retter, obwohl ich Verantwortung trage. Und gerade deshalb kann ich Verantwortung übernehmen, ohne daran kaputtzugehen.

 

JOHANNES: FÜLLE IM MANGEL

Im Evangelium hörten wir eine Szene, die ganz anders wirkt. Eine Hochzeit droht zu kippen, vermutlich, weil das Brautpaar schlecht kalkuliert hat. Für ein Brautpaar ist auch das eine Katastrophe!

Jesus wird als Gast um Hilfe gebeten und mitten im Mangel kann die Hochzeitsgesellschaft auf einmal aus dem Vollen schöpfen!

Spannend finde ich die Rolle der Diener. Ich stelle mir vor, ich wäre einer von ihnen gewesen. Ich hätte beim Wasser-Schleppen vermutlich gedacht: Was soll das jetzt? Wozu? Das ändert doch nichts. Aber sie füllen die Krüge. Sie tun das, was in ihrer Hand liegt – ohne zu wissen, ob es „etwas bringt“. Das Wunder macht sie nicht passiv, sondern versetzt ins Handeln.

 

FREIHEIT STATT LÄHMUNG

Das kann auch für mich ein Ausweg aus dem Dilemma sein.

Das Evangelium ist nicht: Wenn wir alles richtig machen, wird es gut.
Das Evangelium ist: Gott hält an uns fest, auch wenn uns die Dinge aus der Hand gleiten.

Wir werden nicht gerettet, weil wir die Welt retten. Wir werden gerettet, weil Christus uns rettet.

Und gerade deshalb dürfen wir handeln, ohne die Welt durch uns erlösen zu müssen.

 

KONKRETION
Für mich bedeutet das, dass ich mich über den Klimawandel und seine Folgen informieren kann, ohne in Panik zu verfallen. Es bedeutet, mir die Folgen meines eigenen Handelns bewusst zu machen, ohne im Alleingang die Welt retten zu müssen. Und ich darf Gott meine Sorgen, meinen Ärger, mein Dilemma klagen.

Ich habe diese Predigt nicht im Kalten geschrieben – aber eben auch nicht bei 23 Grad, sondern bei 22. Ich versuche, manche Aufgabe nicht aus Bequemlichkeit auszulagern, sondern selbst zu tun. Ich beziehe Verantwortung in Kauf- und Lebensentscheidungen ein.

Damit verwandle ich kein Wasser zu Wein.
Aber vielleicht fülle ich einen Krug. Oder auch nur ein Glas.

Nicht, weil mein Wasser Bedingung für Gottes Handeln wäre. Sondern weil das Vertrauen auf Gottes Liebe mich überhaupt erst zum Handeln befähigt.

 

SCHLUSS

Die Weltlage bleibt angespannt und wie Jeremia sehe ich keine schnelle „Lösung“. Er hat keinen Regen in Sicht. Ich gehe von keiner baldigen Erdabkühlung aus.

Wir beten uns die Krise nicht weg – aber wir beten, damit wir nicht wegschauen.

Ich muss nicht zynisch werden. Und ich muss mich nicht übernehmen. Wir dürfen zu Gott rufen.

Denn Gottes Nähe hängt nicht an meinem Gelingen. Sie hängt an Christus – der im Mangel nicht weggeht, sondern bleibt.
In Kana zeigt Christus: Wo Mangel ist, kann Gott Fülle schenken.

Gottes Macht ist größer als unsere Ohnmacht. Darum lasst uns die Krüge füllen mit dem, was wir haben – und darauf vertrauen, dass Christus auch heute noch aus Wasser Wein machen kann.

Amen