für die Woche vom 11. bis zum 17. Januar
Predigt am Sonntag, 11. Januar, über Matthäus 3, 13-17,
von Pfarrer Walter Neunhoeffer
Liebe Gemeinde,
der Konfirmandenkurs am vergangenen Freitag war für mich eine Sternstunde der Konfirmandenarbeit. Wir dachten darüber nach, wie man sich vorstellen kann, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist. Dabei begegneten Konfis, Teamerinnen und Teamern den drei Erklärungsmodellen der Bibel: die sogenannte Präexistenz nach Johannes, nach der der Sohn von Anbeginn Teil Gottes ist, der Jungfrauengeburt nach Lukas und Matthäus, die die besondere Herkunft Jesu beschreiben und der Taufe Jesu, die sich in allen Evangelien findet und bei der vor allem wichtig ist, dass sich Gott zu Jesus als seinen Sohn bekennt.
Ich war begeistert, wie sich die Jugendlichen darauf einließen, darüber nachzudenken und ins Gespräch zu kommen.
Am Ende sollten sich die Jugendlichen positionieren, welches Erklärungsmodell ihnen am meisten zusagen würde. Man durfte auch Zwischenpositionen einnehmen. Ich interviewte dann ein paar und fragte sie, warum sie sich für ihren Standpunkt entschieden hatten.
So fragte ich auch einen Konfirmanden, der sich ganz eindeutig zur Präexistenz bei Johannes positionierte. Er antwortete: „Eigentlich wollte ich mich wo anders hinstellen, aber meine Kumpel wollten unbedingt hierher.“ Ich: „Aha und wo hättest Du Dich denn ohne Deine Kumpel hingestellt?“ Er: „In die Mitte von allen drei Positionen.“ Innerlich feierte ich den Konfirmanden, weil er bestimmt der Meinung war, dass sich die Positionen gar nicht widersprächen, ja sogar irgendwie zusammengehörten. Trotzdem fragte ich: „Das ist ja interessant. Warum hättest Du Dich denn da hingestellt?“ Seine Antwort: „Naja, irgendwie ist mir das alles nicht so wichtig.“
Die Antwort war mutig, weil der Konfirmand bestimmt wusste, dass das nicht unbedingt das war, was ich hören wollte. Die Antwort war ernüchternd, denn das, was ich als theologische Sternstunde des Konfirmandenkurses empfunden hatte, wird von manchen Jugendlichen und wahrscheinlich nicht nur von Jugendlichen als nicht besonders relevant für ihr Leben empfunden.
Das bewegt mich und mir kommen vom Leben gezeichnete Menschen in den Sinn: Ist es für sie relevant und tröstlich, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist? Ich sehe in den Nachrichten Bilder aus Kiew und Gaza: Ist es für die Welt, so wie sie sich gibt, relevant und hoffnungsvoll, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist?
Vielleicht gibt uns die Taufe Jesu, so wie sie der Evangelist Matthäus erzählt Antworten auf die Frage, inwiefern ist es relevant, tröstlich, hoffnungsvoll, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist. Wir hören aus dem dritten Kapitel des Matthäusevangeliums:
Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu. Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. (Matthäus 3,13-17)
Ich erkenne vier Antworten.
Die erste Antwort: Für Matthäus sind die Kindheits- und Jugendgeschichten von Jesus nicht von Bedeutung. Nach den Ereignissen rund um die Geburt Jesu wird von Jesus nichts mehr erzählt bis zu dem etwas unvermittelten Satz, mit dem unser heutiges Evangelium beginnt: „Jesus kam aus Galiläa an den Jordan zu Johannes.“ Jesus taucht einfach auf. Man weiß nicht, was ihn dazu bewogen hat, sich auf den Weg zu machen. Er ist einfach da. Er ist da, wo Menschen sind. Er ist da, wo Menschen nach Gott fragen. Er ist da, wo Menschen über ihr Leben ins Nachdenken kommen. Darauf will ich hoffen, nicht nur für mein Leben, dass Jesus Christus da ist, einfach so, ganz unvermittelt.
Die zweite Antwort: Jesus will sich taufen lassen. Johannes erkennt ihn und will das nicht. Wie kann er den Messias, dessen Kommen er predigt, taufen? Dafür ist er doch viel zu klein, zu unbedeutend, zu gering im Vergleich mit Jesus.
Jesus besteht aber darauf, weil er sagt, dass dies der Gerechtigkeit Gottes entspricht., wo es eben kein oben und unten gibt. In der Gerechtigkeit Gottes gibt es kein: Du bist wichtiger und Du bist unbedeutend. Bei Gott gilt nicht arm oder reich, Frau oder Mann, fromm oder ungläubig. Für Gott gilt: Jesus ist unser Bruder und deshalb sind wir auch Schwestern und Brüder.
Das ist befreiend, übrigens nicht nur für die, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Es ist auch befreiend für die, die vermeintlich wichtig sind. Zu mir sagte einmal ein ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht: „Mir hat das Gespräch mit Ihnen gut getan, weil Sie mit mir ganz normal geredet haben. Es passiert mir nämlich so oft, dass andere in mir nur den ehemaligen Bundesrichter sehen und nicht den Menschen.“ Ich verriet ihm nicht, dass ich in unserem Gespräch seinen Beruf einfach vergessen hatte und wahrscheinlich auch deswegen mit ihm ganz unbefangen sprechen konnte.
Jesus vergisst nicht unser Herkommen und unseren Beruf und unsere Begabung. Sie beeinflussen ihn aber nicht in seiner wichtigsten Sichtweise: „Du bist ein Mensch, der Anerkennung, Trost und Ermutigung braucht.“
Die dritte Antwort: Jesus lässt sich von Johannes so taufen, wie Johannes eben tauft. Das heißt: Jesus muss in den Jordan steigen und wird untergetaucht. Jesus muss also in den Fluss des Lebens steigen, in dem uns das ganze Leben begegnet, auch die Herausforderungen, das Leid, die Trauer. Jesus wird untergetaucht, weil einem das runterziehen und ohnmächtig zurücklassen kann, was man aushalten muss: die Gewalt, die Unmenschlichkeit, die eigene Schuld, die eigene Endlichkeit. Jesus ist ganz Mensch.
Weil er sich ganz auf das Menschsein einlässt, bekennt sich Gott zu ihm: „Das ist mein geliebter Sohn!“ So will und so soll Jesus der Sohn Gottes sein, indem er ganz Mensch ist und weiß, was Dich bewegt und es ihm nicht egal ist, wie es dir geht.
Die vierte und letzte Antwort: Gott bestätigt: „Das ist mein geliebter Sohn!“ und gibt dadurch Jesus die Kraft, sich auf den Weg zu machen, seinen Auftrag zu erfüllen: Heil und Heilung zu bringen, gegen Unrecht den Mund aufzumachen, sich auf die Seite des Schwachen zu stellen, „das geknickte Rohr nicht zu zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auszulöschen“ (Jesaja 42,5)
Das Bekenntnis Gottes zu Jesus Christus hören auch alle, die bei der Taufe Jesu dabei waren und wir haben es eben auch gehört. Wir hören, dass Gott den Weg Jesu bestätigt, dass es Gottes Wille ist, dass Menschen getröstet werden, dass es Gottes Wille ist, dass Frieden einkehrt, dass es Gottes Wille ist, dass Menschen in Würde leben können.
An dieser Hoffnung für die Welt, für das Leben und für mich halte ich fest, weil uns in Jesus Christus Gottes Sohn begegnet.
Dem kritischen und mutigen Konfirmanden bin ich sehr dankbar. Hat er doch durch seine kritische Haltung die Frage nach dem Sohn Gottes aus der Theorie ins Leben geholt. Und so war der vergangene Freitag wahrlich eine Sternstunde des Konfirmandenkurses. Amen.
