für die Woche vom 16. bis zum 22. August
Predigt am Sonntag, 16. August, über Lukas 18, 9-14,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider
Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
Liebe Gemeinde,
es ist nicht einfach, wenn man sagen muss, dass man auf viele Fragen keine einfache Antwort weiß. Es ist nicht einfach, wenn man der Meinung ist, dass Probleme differenziert sind und von verschiedenen Seiten aus betrachtet werden können. Einfach ist es deshalb nicht, weil heutzutage kaum noch jemand so etwas sagen will, obwohl es ja eigentlich so stimmt. Heutzutage wird von verschiedensten Seiten verlangt, dass man die Welt in Richtig und Falsch aufteilt, in Gut und Böse, in die richtige und die falsche Seite der Geschichte. Das nennt man dann „Haltung zeigen“, das nennt man dann „sich positionieren“ oder wie auch sonst immer, und wer sich dem nicht anschließt, gehört für viele Leute dann automatisch zu den Falschen. Sogar in der Kirche habe ich so etwas schon öfters gehört, nicht immer, aber immer wieder einmal. Glücklich macht mich das nicht.
Viele Probleme, die uns oder die Welt plagen, sind nicht mit einfachen Parolen oder Mitteln zu lösen – nicht, ohne sich dabei auch schuldig zu machen . Und bei vielen Problemen weiß ich nicht, wie man sie lösen soll, zumindest nicht, ohne unerwünschte Nebenwirkungen oder andere neue Probleme damit zu erzeugen. Beispiele dafür dürfen Sie sich jetzt gerne selber welche denken. Aber ich höre immer wieder Leute so reden, dass man sich halt auf eine bestimmte Seite schlagen muss, andere dafür ausblenden oder anderen die Schuld an allen Schwierigkeiten geben muss und dann hat man einfach recht. Für Komplexität oder gar für eigene Schuld ist da dann kein Platz mehr.
Natürlich habe ich auch alle möglichen Meinungen. Natürlich tue ich auch alles Mögliche. Ich versuche zum Beispiel, auch in meinem persönlichen Leben etwas gegen den Klimawandel zu tun; ich weiß nur nicht, wie man gleich die ganze Welt retten kann. Oder bei Gelegenheit auf die Einseitigkeit mancher Positionen hinzuweisen. Irgendetwas bleibt dabei aber immer auch verkehrt oder ungenügend oder inkonsequent, auch bei mir. Gute Absichten sind keine Garantie dafür, dass man auch etwas Gutes erreicht. Das ist meiner Meinung nach sogar ein weit verbreitetes Problem, dass man nur noch bereit ist, gute Absichten anzuerkennen und nicht mehr danach fragt, was man mit denen eigentlich erreichen kann. Wer gute Absichten hat, kann maximale Forderungen stellen. Wer maximale Forderungen stellt, ist ein guter Mensch. Und alle diejenigen, die sagen, man muss aber auch noch das oder jenes berücksichtigen, oder dass das halt nicht so einfach funktioniert oder umsetzbar ist, gehören dann schon wieder zu den angeblich Falschen, denn die wollen das Richtige ja nicht.
Wenn ich den heutigen Predigttext sehe, dann fällt mir auf, dass das ein allgemeinmenschliches Problem ist. Dann fällt mir auf, dass das früher auch schon so war. Dass das in jedem Lebensbereich möglich ist. Wir kennen das im Rahmen des Christentums von denen, die die Religion gerne dafür hernehmen, um ihre politischen Überzeugungen zu vertreten. Oder wir kennen es, jetzt allgemeiner im Rahmen von Religion, von denen, die fundamentalistisch denken. Wir erleben es immer dann, wenn die Menschheit in zwei Teile geteilt wird: Wir und die anderen. Falsch sind immer die anderen. Aber das gibt es eben nicht nur im Bereich der Religion. Es ist gerade kein Kennzeichen von Religion, kein Kennzeichen des Christentums, dass das immer so ist oder sein muss. Sonst hätte Jesus das ja befürwortet. Das tut er aber nicht. Man kann sich sogar fragen, ob das nicht der Punkt ist, an dem Religion in Ideologie übergeht: wo man anfängt, die Menschheit in zwei Gruppen aufzuteilen.
Sie finden das aber genauso in der Politik, bei Fragen der Ernährung, der Erziehung, des Umgangs mit Tieren, der modernen Medizin und, naja, eigentlich überall mittlerweile. Die Welt ist unübersichtlich und die einfachen Regeln und Antworten sind beliebt. Einfache Antworten müssen auch nicht immer die falschen sein. Die Welt ist ja unübersichtlich, niemand kann sich mit allem beschäftigen und so helfen uns die einfachen Antworten ja auch, uns im Leben zurechtzufinden. Und das Ganze ist wohl auch so lange in Ordnung, wie man mit anderen noch auskommt, die andere Meinungen vertreten. Wenn man anfängt, andere zu verurteilen und sich selbst über sie zu stellen, dann ist etwas schiefgegangen. Dann ist man an den Punkt gekommen, an dem man sagt: Ich – oder Wir – und die anderen. Die Guten und die Bösen.
Davon handelt die Geschichte, die Jesus erzählt hat. Die Pharisäer waren eine Gruppe von Leuten, die sich an besonders viele Regeln gehalten haben. Und deswegen setzt sich der Pharisäer im Tempel vorne hin und dankt Gott für alles, was er Gutes getan hat. Man könnte auch sagen: Er dankt Gott für alles, was er richtig gemacht hat. Das allein ist nicht an sich verkehrt. Warum soll man nicht an guten Dingen seine Freude haben? Aber so, wie die Geschichte weitergeht, wird klar: Er hat eine Grenze überschritten. Er freut sich eben nicht mehr darüber, dass Gott ihm Gelegenheit gegeben hat, Gutes zu tun, sondern er freut sich darüber und er dankt Gott dafür, dass er auf der richtigen Seite steht, und das aus eigenen Verdiensten und im Gegensatz zu denen, die auf der falschen Seite stehen. Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie der da hinten. Der traut sich schon gar nicht nach weit vorn und er hat ja recht. Einen solchen Sünder kann man ja nur verachten. Ich tue das jedenfalls. Und du, Gott, doch bestimmt auch? Ich bin schließlich so, wie du, Gott, meinst, dass die Menschen sein sollen. Der nicht.
Und Jesus sagt: So ist das nicht. Der Zöllner, der, der sein Leben auf eine problematische Weise führt und der das auch weiß, bittet Gott um Vergebung. Und Gott vergibt ihm. Dem Pharisäer vergibt er nicht. Denn der braucht keine Vergebung, der hat um nichts zu bitten, das denkt er jedenfalls, er macht doch alles richtig. Aber in Wirklichkeit fehlt im etwas. In Wirklichkeit macht er einen großen Fehler. Doch weil er ja einer von den Guten ist, weil er ja die richtige Identität hat und der andere die falsche, versteht er überhaupt nicht, was er da tut. Er ist verblendet von seinen falschen Prioritäten, von seinen guten Absichten und guten Taten. Und dabei fehlt ihm etwas.
Was fehlt ihm denn? Ich sage es einmal mit den Worten des Apostels Paulus: Und wenn ich alle Weisheit hätte, wenn ich einen Glauben hätte, der Berge versetzen kann, wenn ich … Paulus macht eine lange Aufzählung … wenn ich das alles hätte, wenn ich eine Art Weltmeister in Bezug auf die Religion wäre und hätte die Liebe nicht, dann wäre ich nichts anderes als eine lärmende Trommel. Soll heißen, dann könnte ich zwar mit viel großem Tamtam auf mich aufmerksam machen, wie wichtig ich bin und wie richtig ich bin. Aber es wäre bedeutungslos. Für Gott jedenfalls.
Denn Gott ist die Liebe. Gott ist nicht die richtige Meinung. Gott ist nicht eine einfache Parole. Gott ist die Liebe. Denn er weiß, wie kompliziert unser Leben ist. Er weiß, dass wir in Zusammenhängen leben, in denen wir immer wieder schuldig werden. Wir können gar nicht anders. Er weiß, dass es nicht einfach die Guten und die Bösen gibt. Und seine Liebe ist so groß, dass sie das alles umfasst. Dass sie für alle reicht. Dass sie in Ewigkeit reicht. Dass sie für uns reicht, für jeden von uns. Und für die anderen, die andere Meinungen haben als wir.
Amen
