für die Woche vom 2. bis zum 8. August
Predigt am Sonntag, 2. August, über Jeremia 1, 4-10,
von Pfarrer Walter Neunhoeffer
In diesem Gottesdienst wurde die Bundesfreiwillige Helene Worbach verabschiedet.
Liebe Gemeinde,
unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden suchen sich paar Wochen vor der Konfirmation ihren Konfirmationsspruch selbst heraus. Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Genauigkeit sie erkennen, welcher biblischer Vers für sie gut passt und offensichtlich spüren, was in ihnen steckt.
So ging es vielleicht auch unserer Bundesfreiwilligen Helene Worbach, als sie sich als Konfirmandin folgenden Vers aus dem Buch der Sprüche wählte: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und die Sache aller, die verlassen sind.“ (Sprüche 31,8)
Ob der Prophet Jeremia auch spürte, was in ihm steckte und was das für Konsequenzen für sein Leben hatte? So deute ich jedenfalls seine Berufungsgeschichte. Wir hören aus dem Buch Jeremia, Kapitel 1:
Und des Herrn Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der Herr sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr. Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen. (Jeremia 1,4-10)
Jeremia erlebt, was die Bestimmung seines Lebens ist, nämlich seinen Mund aufzumachen gegen Unrecht und Korruption, gegen Laschheit und Gleichgültigkeit. Doch dann scheint ihm das doch eine Nummer zu groß zu sein. Ihm kommen Selbstzweifel: „Ach Herr, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“
Selbstzweifel können schon kommen, wenn man in sich spürt, was jetzt eigentlich dran wäre. Und dann denkt man: „Der Alltag an und für sich ist doch schon stressig genug.“ Oder „Wer hört schon auf mich?“ oder „Was kann ich schon ausrichten?“ oder „Andere sind doch viel geschickter.“
„Ich bin zu jung“, sagt der Prophet und könnte Helene sagen, und unser Vikar und unsere Teamerinnen und Teamer. Die Antwort Gottes darauf heißt: „Sage nicht, du bist zu jung.“ Gott traut Jeremia etwas zu trotz seiner Jugend. Vielleicht weiß er auch, dass das Jungsein, auch der Gesellschaft und dem Glauben guttut.
Wir durften das in der letzten Woche beim politischen Nachtgebet erleben, bei dem zwei Jugendliche sehr authentisch und sehr berührend erzählten, warum sie Vegetarier sind. Gleichzeitig erzählten genauso eine Bäuerin mit Schweinezucht und eine Jägerin, warum sie es nicht sind und was ihnen beim Fleischkonsum aber wichtig ist. Die Gespräche waren geprägt von Toleranz und der Bereitschaft, wirklich zuzuhören und den anderen, auch wenn er so ganz anders denkt als ich, nicht in eine Schublade zu stecken. So entstand ein sehr differenziertes Bild und ich dachte: Genauso muss politische Auseinandersetzung geschehen, genauso wird Spaltung überwunden. Wie gut, dass die beiden Jugendlichen nicht gesagt haben: „Ich bin zu jung, auf mich hört sowieso niemand.“
Auch Du, liebe Helene, hast zu Beginn Deines Bundesfreiwilligendienstes, nicht gesagt: „Ich bin zu jung!“ Vielleicht hast Du Dir das ab und zu gedacht, als Du gemerkt hast, wieviel Verantwortung Dir zugetraut aber eben auch übertragen wurde.
„Sage nicht, Du bist zu jung!“ Dieser Satz ist auch eine Mahnung an uns Ältere, nicht zu meinen, dass wir immer die richtigen Sichtweisen und die richtigen Einsichten hätten, nur weil wir schon länger auf dieser Welt sind. Wenn das wirklich so wäre, dann müsste die Welt ja im Moment in einem hervorragenden Zustand sein, wo doch zur Zeit an den Schaltstellen der Welt lauter alte Männer sitzen. Man muss nur in die Welt schauen, um festzustellen, dass das so nicht der Fall ist.
„Sage nicht du bist zu jung“, sagt Gott zu Jeremia, um seine Zurückhaltung gegenüber seinem Auftrag vielleicht auch als Ausrede zu entlarven.
Also sage nicht:
Ich bin zu unbedeutend.
Ich bin zu unerfahren.
Ich bin zu schwach.
Ich bin zu alt.
Jede und jeder von uns hat einen Auftrag für diese Welt.
Jeremias Auftrag war, Politik vor der nahenden Katastrophe zu warnen und die Menschen zur Umkehr von ihrem verkehrten Weg zu rufen. (Eigenartig, dass einem dieser Auftrag nach 2,5 Tausend Jahren so aktuell vorkommt. Jeremias Auftrag war aber auch, nach der Katastrophe wieder neue Zuversicht zu wecken.
Was ist Dein Auftrag für diese Welt?
Kannst Du helfen, dass Menschen wieder Perspektive bekommen?
Kannst Du Dich bemerkbar machen, wenn Unrecht geschieht?
Kannst Du für gute Stimmung sorgen, so dass sich andere in Deiner Nähe einfach wohlfühlen?
Kannst Du etwas gegen die Gleichgültigkeit tun, mit der so viele Menschen unterwegs sind?
Gott traut Jeremia etwas zu und Jeremia soll wissen, dass seine Worte große Macht haben: „Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“
Deshalb lasst es gute Worte sein, Worte, die versöhnen, die aufbauen, die Mut machen, die trösten und fröhlich mache und die, wenn es nötig ist, deutliche Grenzen aufzeigen und sich nicht einschüchtern lassen, sondern sich einsetzen für die, die überhört und übersehen werden.
So wie es schon im Buch der Sprüche Salomos heißt: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und die Sache aller, die verlassen sind.“
Davon hat sich auch eine Konfirmandin inspirieren lassen und obwohl oder gerade weil sie eher schüchtern war, hatte sie einen Blick für die, die nicht lautaufsprechen konnten. Sie hat dann allen Mut zusammengenommen und denen eine Stimme verliehen.
Also sage nicht: Ich bin zu jung, zu schüchtern, zu alt, zu unbeholfen, sondern „Tu deinen Mund auf für die Stummen und die Sache aller, die verlassen sind."
Amen.
