Wochenandacht

für die Woche vom 7. bis zum 13. Juni


Predigt am Sonntag, 7. Juni, über Apostelgeschichte 4, 32-37,
von Vikar Ferdinand Billharz


Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Liebe Gemeinde,

ich habe Ihnen heute etwas mitgebracht: Ein Lottoticket für den Eurojackpot.

Wenn hier die fünf richtigen Zahlen stehen und dazu noch die zwei richtigen Eurozahlen, dann wäre ich stolzer Besitzer von 40 Millionen Euro.

Zugegeben: Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich gering. Sehr gering sogar. Und trotzdem fange ich manchmal an zu träumen.

Was würde ich machen mit so viel Geld?
Wie vielen Menschen könnte man helfen?
Welche Projekte könnte man unterstützen?

Wie schön wäre es, so viel Geld zu haben.
Unabhängig zu sein.
Sich absichern zu können.
Einfach frei zu sein von der Angst, dass es irgendwann nicht reicht.

Und unter uns: Was für krasse Partys könnte ich von dem Geld schmeißen!

Vielleicht überrascht es Sie, dass ich hier vorne stehe und etwas über Geld predige.
Vielleicht überrascht es Sie auch einfach, dass ich anscheinend manchmal Lotto spiele.

Aber die Texte dieses Sonntags lassen uns um dieses Thema nicht herumkommen.
Um Geld. Um Besitz. Um Angst. Und um Freiheit.

Die Gemeinschaft, die in unserem Predigttext beschrieben wird, steht in einem ziemlich starken Gegensatz zu meinen Tagträumen.

In meinen Tagträumen sammelt sich auf einmal sehr viel Geld bei mir.
Ich kann entscheiden, was damit passiert. Ich habe Kontrolle.

Und in der Apostelgeschichte ist es genau andersherum.
Da sammelt sich nichts bei Einzelnen an.
Da sagt keiner: Das ist meins, und damit hat niemand sonst etwas zu tun.
Da wird geteilt.
Und da steht am Ende dieser wunderbare Satz:

Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte.

Das klingt schön.
Aber ehrlich gesagt: Es klingt auch ziemlich unrealistisch.

Denn natürlich stellt sich sofort die Frage: Was will dieser Text von uns?
Ist das jetzt die Forderung dieses Sonntags?
Muss ich nachher nach Hause gehen und alles verkaufen?
Muss ich mein Fahrrad in den Stephanshof stellen, falls jemand von Ihnen es braucht?

Ich glaube: Nein.

Ich behaupte, dass dieser Text keine Forderung beschreibt, sondern eine Erfahrung.
 

In der Mitte steht der Satz:

Große Gnade war bei ihnen allen.

Das ist der Schlüssel.
Nicht Zwang. Nicht Druck. 
Sondern: Große Gnade war bei ihnen allen.

Diese Menschen haben erfahren: Christus ist auferstanden.
Gott hält uns.
Wir müssen uns nicht an allem festklammern, als hinge unser ganzes Leben daran.

Und aus dieser Erfahrung heraus öffnen sich ihre Hände.

Auch Barnabas verkauft seinen Acker nicht, um sich einen Platz bei Gott zu verdienen.
Er zahlt keinen Eintrittspreis für Gottes Reich.
Weil er sich von Gottes Gnade getragen weiß, kann er loslassen.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Eine Predigt über Geld kann schnell verstanden werden als: Spendet mehr, damit Gott mit euch zufrieden ist. Keine Sorge: Ich will Sie nicht vom Spenden abhalten.

Aber das wäre nicht das Evangelium.

Der Johannesbrief, den wir vorhin gehört haben, bewahrt uns genau davor. Dort heißt es:

Gott ist Liebe.
Furcht ist nicht in der Liebe.
Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.

 

Der Johannesbrief sagt nicht: Liebt, damit Gott euch liebt.
Er sagt: Liebt, weil Gott euch zuerst geliebt hat.

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Denn dann geht es nicht zuerst um moralischen Druck.
Dann geht es zuerst um Befreiung.

Wenn ich geliebt bin, muss mein Besitz nicht mein letzter Schutzwall sein.
Wenn ich gehalten bin, muss ich mich nicht an meinem Geld festhalten.
Wenn Gottes Liebe sich größer anfühlt als meine Angst, dann öffnen sich auch meine Hände leichter.

Das Evangelium nimmt uns nicht zuerst das Geld aus der Hand, sondern die Angst aus dem Herzen.
Und wo die Angst kleiner wird, können die Hände offener werden.

Aber nun haben wir heute ja auch noch das Evangelium vom reichen Mann und dem armen Lazarus gehört.
Und diese Geschichte hat es wirklich in sich.

Ein reicher Mann lebt herrlich und in Freuden.
Vor seiner Tür liegt Lazarus. Arm. Krank. Hungrig und voller Geschwüre.
Und der reiche Mann sieht ihn nicht wirklich.

Das Erschreckende ist: Lazarus ist nicht weit weg.
Er liegt nicht irgendwo am anderen Ende der Welt.
Er liegt vor seiner Tür.

Der reiche Mann müsste nur hinschauen.

Und genau das tut er nicht.

Ich glaube nicht, dass der reiche Mann verurteilt wird, nur weil er viel Geld hat.
Aber sein Reichtum ist ihm zum Problem geworden.
Er hat ihn blind gemacht.
Er hat eine Kluft geschaffen. Eine Kluft zwischen ihm und Lazarus.
Zwischen seiner Sicherheit und der Not des anderen.
Zwischen seiner geschlossenen Tür und dem Menschen, der davor liegt.

Und das ist die Warnung dieses Sonntags.

Nicht: Besitz ist an sich böse.
Nicht: Wer etwas hat, steht schon auf der falschen Seite.
Sondern: Achtung! Besitz kann blind machen.
Sicherheit kann hart machen.
Die Angst, zu kurz zu kommen, kann unser Herz für unsere Mitmenschen verschließen.

Und dann sehen wir Lazarus nicht mehr, obwohl er direkt vor unserer Tür liegt.

An der Kasse von Rewe zum Beispiel.
Ich zahle schnell mit dem Handy, bin in Gedanken schon beim nächsten Termin, und vor mir steht jemand und zählt, ob das Geld für den Einkauf wirklich reicht.

Da liegt kein Lazarus mit Geschwüren vor meiner Tür.
Aber da ist ein Mensch, dessen Not ich sehen könnte.
Oder übersehen.

Und dann wird die Geschichte vom reichen Mann und Lazarus plötzlich sehr nah.

Nicht als Drohung, die uns in Angst versetzen soll.
Sondern als Ruf, wieder hinzusehen.

Denn Furcht ist nicht in der Liebe.
Und Gott will uns nicht in Angst treiben.
Er will uns aus Angst befreien.

Deshalb wäre es zu kurz zu sagen: Gib alles her.
Der Text führt uns tiefer.

Er fragt: Woran hängt dein Herz?
Was gibt dir Sicherheit?
Was macht dich blind?
Und wer liegt vor deiner Tür?

Natürlich träume ich trotzdem weiter vom Lottogewinn.
Von finanzieller Freiheit.

Aber die Frage ist: Was ist echte Freiheit?

Echte Freiheit beginnt nicht erst bei 40 Millionen Euro.
Sie beginnt dort, wo ich weiß: Ich bin von Gott geliebt. Ich bin gehalten. Ich muss mein Leben nicht selbst absichern, als gäbe es keinen anderen Halt.

Und aus dieser Freiheit heraus kann Verantwortung wachsen.

Dann muss ich nicht alles verkaufen.
Dann muss ich nicht so tun, als hätte Besitz keine Bedeutung.

Aber ich darf anders mit dem umgehen, was ich habe.
Ich darf fragen: Wo kann ich teilen?
Wo kann ich hinsehen?
Wo kann ich meine Tür öffnen?
Wo liegt Lazarus vor meiner Tür?

Denn Gott macht uns nicht arm.
Gott macht uns frei.

Frei von der Angst, zu kurz zu kommen.
Frei von der Vorstellung, dass mein Besitz meine letzte Sicherheit ist.
Frei, den Menschen vor meiner Tür zu sehen.

Gott nimmt uns nicht zuerst etwas weg.
Er gibt uns zuerst etwas:
seine Liebe, seine Gnade, seine Zusage.

Und wo diese Zusage unser Herz erreicht, da verliert die Angst Macht.
Und wo die Angst kleiner wird, können vielleicht auch die Hände offener werden.

Amen.