Wochenandacht

für die Woche vom 31. Mai bis zum 6. Juni


Predigt am Sonntag, 31. Mai, über 4. Mose 6, 22-27,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider


Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprach: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Liebe Gemeinde,

in unseren menschlichen Sprachen gibt es viele Worte, die einigermaßen genau definierbar sind. Wenn man dann genauer hinschaut, bezeichnen sie aber doch eine Vielzahl von Phänomenen und die Grenzen sind nicht immer so einfach zu ziehen. Zum Beispiel wissen wir alle, was das Wort „Hund“ bedeutet. Manche von uns hier haben vielleicht sogar einen. Aber wenn man sich anschaut, wie unterschiedlich Hunde sein können, allein schon von der Größe her, dann hat dieses Wort doch auch eine recht vielfältige Bedeutung, obwohl es immer noch recht genau definierbar ist.

Es gibt andere Worte, die auch etwas bezeichnen, was wir kennen und was noch viel unterschiedlichere Nuancen hat als verschiedene Hunde sie haben können. Worte wie „Gerechtigkeit“ meinetwegen, oder „Frieden“, oder „Ordnung“. Oder ein Wort wie „normal“ – was ist eigentlich normal? Darunter kann man alles Mögliche verstehen. Aber diese Worte sind dennoch notwendig und wir kommen nicht ohne sie aus. Man kann sie nicht einfach durch andere Worte ersetzen, obwohl nicht alle Menschen darunter genau das gleiche verstehen.

Noch einmal eine eigene Kategorie sind Worte, die aus dem Bereich der Religion kommen. Sie reden oft von Dingen, die man nicht sehen kann, die man auch nicht genau definieren kann, die man auch nicht einfach durch etwas anderes ersetzen kann, und sie sind fundamental wichtig, weil sie von den ganz zentralen Elementen reden, in denen es in einer Religion geht. Ein Wort wie „Gott“ zu erklären, ist nicht gerade einfach. Wir wissen, was gemeint ist. Wir haben kein anderes Wort, das wir dafür nehmen könnten. Am besten geht es immer noch, wenn wir dann anfangen in Bildern zu reden. Gott ist wie ein Vater oder eine Mutter, er ist wie ein König, er hat die Welt erschaffen, er liebt uns mehr als jeder Mensch uns lieben könnte … das sind nicht einmal nur Bilder, wir reden auch von Aktivitäten, die uns betreffen, und die etwas darüber aussagen, wie Gott zu uns ist, wie er sich uns gegenüber verhält, was er mit uns macht. Er vergibt uns unsere Schuld, zum Beispiel. Und das hilft uns, uns unter dem Wort etwas vorzustellen, etwas Richtiges vorzustellen, denn so erzählt es uns die Quelle unseres Glaubens, die Bibel, und so ist es, wenn wir mit ihm zu tun haben. Und wenn ich jetzt gesagt habe, dass wir uns unter Gott etwas vorstellen, müsste ich eigentlich noch korrigieren:  Eigentlich Gott ist nicht etwas, sondern jemand.

User heutiger Predigttext redet vom Segen. Auch das ist so ein Wort, das es eigentlich nur in der Religion gibt. Wir verwenden es manchmal auch allgemein, wenn wir zum Beispiel sagen: Das und das ist ein Segen. Dann meinen wir: Das ist etwas Gutes. Aber zunächst einmal gehört Segen in den Bereich des Glaubens. Und auch dieses Wort kann nicht einfach durch ein anderes ersetzt werden. Auch dieses Wort kann nicht einfach mit einer kurzen präzisen Definition erklärt werden. Aber wenn wir fragen: Was ist das denn eigentlich: Segen? Was soll man dann sagen?

Was sagt denn der Predigttext? Der ist immerhin so treffend, dass wir seine Formulierungen in den Gottesdienst übernommen haben. Es ist der einzige Segensspruch aus dem Alten Testament, den wir in der Kirche nutzen. Martin Luther meinte: Wir nutzen ihn, weil er von Gott selber vorgeschlagen wurde. So erzählt es das 4. Buch Mose. Aber noch einmal: Was ist das eigentlich: Segen? Was soll man da sagen?

Der Segensspruch selber redet in Bildern: Gottes Angesicht leuchtet über uns. Da kommt Licht in das Leben. Da kommt Gott selber zu uns und macht es hell. Gott behütet uns. Da kommt Schutz in unser Leben. Und am Ende kommt Frieden. Um alles das geht es. Segen ist etwas Gutes. Segen ist etwas, was mit Gottes Gegenwart und Begleitung zu tun hat. Darum kommt der Segen auch am Schluss des Gottesdienstes, an Stelle einer einfachen Verabschiedung: Weil er sozusagen mitgehen soll mit uns in die Woche, vielleicht bis zum nächsten Segen am darauffolgenden Sonntag. So hat man zumindest früher einmal gedacht.

 

Auch der Segen hat also etwas damit zu tun, wie Gott uns gegenüber ist. Was er mit uns macht. Wie sehr er uns liebt. Segen ist offenbar eine Mischung aus einer Zusage und einem Wunsch, oder mehreren guten Wünschen. Die Zusage ist: Gott ist da für dich, Gott ist und bleibt bei dir. Und er möge dir dies oder jenes geben. Und dazu gehört noch das „Amen“, so soll es sein.

Was Segen ist, kann man sicher auch auf viele andere Weisen sagen oder deutlicher machen. Von allem, was ich dazu gelesen habe, hat mir persönlich einmal ein Satz von Dietrich Bonhoeffer am besten gefallen. Bonhoeffer ist einer derjenigen, die immer anregend zu lesen sind; ob man auch seiner Meinung ist oder nicht, spielt da erst einmal keine Rolle. Bonhoeffer hat es immer wieder geschafft, ein Denken aus anderen Zeiten in neuerer Sprache auszudrücken, und das ist eine Begabung, die leider nicht jede und jeder Mensch im gleichen Maße hat.

Auch Bonhoeffer hat einmal über das Wort Segen oder den Vorgang des Segnens nachgedacht und dann geschrieben: Segnen heißt, die Hand auf jemanden zu legen und zu sagen: Du gehörst trotz allem zu Gott.

Vielleicht ist das im ersten Moment etwas komisch. Aber was sagt er da? Die Hand auf jemand zu legen – das bedeutet, beim Segen macht man normalerweise noch etwas dazu, eine Geste, eine Bewegung mit der Hand. Eine Berührung auf dem Kopf. Oder ein Zeichen des Kreuzes auf jemanden zu. Das bedeutet: Du bist hier gemeint. Es geht um dich. Um dich als ganzen Menschen.

Als nächstes: Du gehörst trotz allem zu Gott. Es geht um Gott, und wer segnet, der tut etwas für Gott. Anders gesagt, und das sagt auch der Text im 4. Buch Mose: Da sagt Gott am Schluss, dass es darum geht, dass er die Israeliten segnet. Nicht der Priester. Gott segnet Menschen mit Hilfe von anderen Menschen, so wie er zum Beispiel auch Menschen tauft mit Hilfe von anderen Menschen. Es geht also tatsächlich darum: Gott segnet, nicht der Pfarrer. Oder wer auch sonst immer, denn auf Kirchenleute ist das nicht beschränkt.

Du gehörst trotz allem zu Gott. So verhält sich Gott zu uns, so ist er zu uns. Dieses „trotz allem“ ist großartig. Trotz was denn allem? Zum Beispiel: Trotz deiner Sorgen. Trotz aller Probleme. Trotz deiner Erkrankung. Obwohl Du nicht viel Geld hast. Obwohl du im Leben ein riesiges Pech gehabt hast. Obwohl dir ein lieber Mensch gestorben ist. Obwohl du den morgigen Tag nicht mehr erleben wirst. Du gehörst trotz allem dem zu Gott.

Oder trotz dem Mist, den du gebaut hast, trotz deiner Lügen, trotz deiner Intrigen, trotz … ja, da muss man ein bisschen aufpassen, Gott segnet nicht für die Sünden , die wir begehen, aber er segnet jeden Menschen, der sich bewusst ist, dass er vor Gott ein Sünder oder eine Sünderin ist. Gott vergibt uns gern, wirklich gern. Das ist allein schon ein Segen. Und dann heißt Segen eben auch: Die Sünden stehen nicht mehr zwischen Gott und uns. Sondern wir gehören trotz allem zu Gott.

Segen ist keine Zauberei. Er hat keine magischen Wirkungen. Er ist eine Mischung aus Zusage und guten Wünschen. Er handelt von Gottes Da-Sein und von seiner Begleitung. Er ist ein Ausdruck von Gottes Liebe zu uns Menschen. Er kommt von Gott selber. Alles das und noch viel mehr ist in diesem einen Wort Segen enthalten. Dieses Wort können wir nicht durch ein anderes ersetzen. Denn auch Gottes Segen können wir nicht durch etwas anderes ersetzen.

Amen