für die Woche von Pfingsten bis zum 30. Mai
Predigt am Pfingstmontag, 25. Mai, über Johannes 20, 19-23,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider
Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.
Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.
Liebe Gemeinde,
das ist im Johannesevangelium eine kurze Geschichte vom Abend des Ostersonntags, und gleichzeitig ist sie eine Art Zusammenfassung mehrerer Dinge, die andere Evangelisten in unterschiedlichen Geschichten erzählen. Warum das bei Johannes so ist, wissen wir nicht. Inhaltlich ist es aber das gleiche wie bei den anderen. Johannes erzählt hier also gleichzeitig von den folgenden drei Dingen auf einmal: von Ostern, vom sogenannnten Missionsbefehl, und von Pfingsten.
Es ist der Abend des Ostersonntags und aus Furcht haben sich die Jünger zurückgezogen und die Türen hinter sich zugemacht. In schwierigen Zeiten kann man in der Tat auf solche Gedanken kommen, in verschiedenen Variationen. Ich kenne zum Beispiel Leute, die schon gesagt haben: Ich höre mir keine Nachrichten mehr an, denn die sind so beunruhigend, das wird mir alles zu viel. Auch so kann man Türen verschließen. Und es ist normal, dass uns Manches zu viel wird. Auch die Jünger wollten nicht mehr sehen und erleben, wie es da draußen war, da draußen vor der Tür. Und nun kommt Jesus, und er kommt und tritt mitten unter sie, ohne dass ihn die Türen gehindert hätten. So etwas erleben wir persönlich vermutlich nicht im wörtlichen Sinn, aber was wir statt dessen erleben können, das ist, dass er in unserem Inneren erscheint, dass er uns im Inneren anspricht, das wir ihn spüren können und auch das kann er tun, wenn wir die Türen verschlossen haben oder hätten.
Jesus kommt, und als erstes wünscht er Frieden. Vielleicht könnte man auch sagen: Als erstes macht er Frieden, stellt er Frieden her. Einen Frieden, der das Wichtigste bringt: Die Vergebung der Sünden. Die Jünger waren davongelaufen, sie hatten ihn verleugnet, ja sie hatten ihn so oft missverstanden in den letzten Jahren, sie hatten nur an sich selber gedacht, jeder wollte der Größte sein und vieles andere mehr. Das erzählen die Evangelien. Jesus hätte Grund, sie zurechtzuweisen. Jesus hätte Grund, sie zu belehren: Jetzt schaut doch mal, wie falsch ihr gelegen habt. Recht hätte er. Aber gerade das tut er nicht. Er sagt: Friede sei mit euch. Und dann zeigt er ihnen seine Wunden. Sie sollen daran nicht nur sehen, dass er es auch wirklich ist, dass da kein Irrtum vorliegen kann. Sondern sie sollen daran auch sehen, dass seine Wunden das sind, wo der Frieden herkommt. Frieden kann er wünschen, Frieden kann er herstellen, weil er für unsere Sünden gestorben ist. Das ging schon den ersten Jüngern so. Und so geht es uns noch heute. Und Frieden, das ist alles, was er aus unseren Sünden machen will. Wer diese Liebe von Jesus erlebt, wer diese Liebe von Jesus begreift, mit der er uns unsere Sünden vergibt, alle unsere Sünden, der braucht keine Extra-Belehrungen mehr, der braucht keine Pädagogik mehr, die ihm erst noch beibringt, was er alles falsch gemacht hat, sondern der begreift das automatisch mit, wenn er versteht: So groß ist diese Güte Gottes, dass er auch mich mit in sie einschließt. Ja, auch mich.
Und da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. In schweren Zeiten ist es schwer, froh zu werden. Aber Jesus schafft es. Indem er sich sehen lässt und indem er sagt, dass er ihnen Frieden bringt. Das muss wohl dazukommen, dass Jesus uns Menschen auch anspricht, dass er uns sagt, was er eigentlich will, von uns will, mit uns will, nämlich Vergebung und Frieden für uns alle. Das müssen wir auch wissen: So ist er, das ist es, warum er sich uns überhaupt zuwendet, ja warum er überhaupt auf diese Welt gekommen ist von Gott.
Und noch eine Sache. Und auch die spricht er aus: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich nun euch. Bei Matthäus stehen die Sätze in einer anderen Version: Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker und tauft sie und so weiter. Johannes macht daraus einen einzigen Satz. Aber er meint es auch: Wir, die wir an Jesus glauben, wir, die wir zu Jesus gehören, wir, die wir seine Kirche sind – wir setzen nun fort, was Jesus angefangen hat. So wie er. So wie er gesandt war vom Vater. So sind wir gesandt von ihm. Das muss nicht heißen, dass wir nun herumziehen und Haus und Familie zurücklassen wie die Jünger damals. Sondern es heißt: Nun seid ihr es, die den anderen zeigen, wer Jesus war, wie Jesus war, warum er gekommen ist. Nun seid ihr es, die anderen Frieden bringen, bringen sollen und bringen können. Das ist geradezu automatisch so, wenn man an Jesus glaubt, dass man dann auch jemand wird, an dem andere sehen, was das bedeutet zu glauben. Es geht nicht um große Ansprüche hier, die wir erfüllen müssten. Es geht aber darum, dass auch wir anderen sagen: Gott wünscht Dir Frieden. Er will Dir Deine Schuld vergeben. Darum ist Jesus gekommen. Darum geht es im Glauben. Und das kann froh machen, selbst wenn alles andere schwer ist. Denn es zeigt, dass Gott uns Menschen liebt.
Jesus weiß natürlich, dass wir Menschen sind und unsere Schwächen haben. Deshalb sagt Johannes als nächstes, dass er den Jüngern seinen Geist gibt. Mit diesem Geist können sie nun anderen sagen, dass Gott für sie Frieden wünscht. Hier ist nicht unbedingt gemeint, dass Jesus übernatürliche Kräfte verteilt. Sondern dass er sozusagen eine Vollmacht ausstellt, dass er sagt: Ihr seid von nun an berechtigt, zu anderen zu reden, zu reden für mich, zu reden vom Frieden und von der Vergebung der Sünden. Es ist hier zwar nur von den Jüngern die Rede; ich denke aber, dass das für jeden Menschen gilt und dass man das nicht auf besondere Gruppen beschränken muss. Nicht nur Pfarrer oder andere Kirchenleute haben den Heiligen Geist. Sondern jeder Mensch, der glaubt. Oder jeder Mensch, der getauft ist, vielleicht sogar das, ja. Und jeder Mensch hat auch mindestens eine Gabe von Gott, mit deren Hilfe der Heilige Geist wirken kann. Diese Gaben können ganz unterschiedlich sein. Wir ergänzen uns gegenseitig. Das war das Thema bei Paulus in der Lesung vorhin: Es sind verschiedene Gaben, aber es ist ein Geist. Und er will, dass die Menschen erfahren von der Vergebung der Sünden durch Jesus.
Das ist nicht immer erfolgreich, und das ist der letzte Gedanke im Text. Johannes hat hier eine recht eigene Ausdrucksweise: Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. Das klingt so, als könnten wir Christen herumgehen und von jetzt an selber entscheiden, wem wir vergeben und wem nicht. Das wäre allerdings komisch, denn Jesus ist für alle gekommen und für alle gestorben. Es ist nicht unsere Aufgabe, jetzt auszuwählen unter den Menschen. So sonderlich unparteiisch sind wir ja auch gar nicht, normalerweise. Was Johannes meint, ist etwas anderes: Es wird Leute geben, die reagieren auf Euch so, dass sie sagen: Ja, das gefällt mir, das ist gut, das würde ich auch gerne glauben oder so sehen. Die sind aufgeschlossen, die reagieren positiv. Und andere werden sagen: Interessiert mich nicht, ist doch Quatsch, das gibt es doch gar nicht, wie kann man nur … und so weiter. Die behalten ihre Sünden dann. Erst einmal jedenfalls. Denn ob das schon ihr letztes Wort gewesen ist, das wissen wir heute nicht. Gott hat so viele Möglichkeiten. Der Geist weht, wo er will, nicht nur, wo wir wollen. Du das ist auch gut so.
Amen
