für die Woche vom 22. bis zum 28. März
Predigt am Sonntag, 22. März, über Hebräer 13, 12-14,
von Vikar Ferdinand Billharz
Liebe Gemeinde,
wenn mein Sohn nicht schlafen kann, singe ich ihm gerne etwas vor. Die Klassiker sind „Weißt du wieviel Sternlein stehen“ und „der Mond ist aufgegangen“. Diese beiden Lieder wurden schon mir als Kind vorgesungen und bringen nicht nur meinen Sohn, sondern auch mich zu einer kindlichen Ruhe und verbreiten ein Gefühl des Friedens im Kinderzimmer. Ich glaube es ist der Verweis auf die Weite des Universums, scheinen doch die Sterne und der Mond so unerreichbar weit weg und sind durch uns unbeeinflussbar. Beide Lieder malen das Bild einer weiten Welt in die wir Menschen eingesetzt sind, über die wir aber keine Macht haben. Stattdessen liegt diese Welt ganz in Gottes Hand. Er kennt sie besser als wir. Er kennt die Zahl der Sterne am Himmel, kennt jeden Fisch und jedes Reh. Er kennt die Stille der Welt, Wald schwarz wird und der Nebel in den Auen emporsteigt.
Es ist ein Gedanke, der auf den ersten Blick nichts mit unserem heutigen Predigttext zu tun hat, aber der mir in der Beschäftigung mit diesem immer wichtiger geworden ist. Wir hören, was im Hebräerbrief steht:
Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Wenn man diese Verse zum ersten Mal hört, wirken sie fast ein bisschen fremd.
Da ist von Jesus die Rede, der „draußen vor dem Tor“ gelitten hat.
Das heißt: nicht im Schutz der Stadt, nicht im Sicheren, sondern draußen – dort, wo es ungeschützt ist, wo man nicht dazugehört.
Und dann dieser Satz: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“
Also: Nichts von dem, was wir hier kennen, ist auf Dauer angelegt. Nichts gibt uns die letzte Sicherheit.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – die Einladung:
„Lasst uns zu ihm hinausgehen.“
Also: dorthin, wo Jesus ist. Nicht weg von der Welt, sondern mitten hinein in das, was unsicher ist – aber nicht allein.
Und ich glaube, genau das beschreibt ziemlich gut das Gefühl, das viele von uns im Moment haben…
Wir leben in einer Zeit, die man durchaus als unsicher empfinden kann. Eine Zeit die durch geopolitische Umbrüche und das wegfallen von Stabilität geprägt ist. Die Wirtschaft, auf die wir immer so stolz waren, will momentan einfach nicht laufen. Alles wird teuer. Wir sehen Bilder von Kriegen auf der Welt, mal ganz weit weg, aber in der Ukraine doch so nah. Wir lesen von fehlenden politischen Mehrheiten. Und die Klimakrise ist auch noch lange nicht gelöst.
Es ist eine andere Welt, als die, die ich im Kinderzimmer wahrnehme. Keine springenden Fischlein, keine ruhigen Wälder und manchmal sind kaum die Sterne am Nachthimmel sichtbar.
Es ist die Welt, die der Hebräerbrief beschreibt. Eine Welt ohne bleibende Stadt. Die Zeit in der wir leben ist nicht durch Stabilität geprägt und auf Dauer ausgelegt.
Unser Glaube kann die Brüchigkeit der Welt nicht aufheben, aber er deutet sie. Ich finde den Gedanken entlastend, dass schon die Verfasser dieser Zeilen wussten, dass wir immer wieder unruhige Zeiten erleben werden.
Der Verfasser des Briefes legt Wert darauf, dass Jesus draußen gelitten hat. Vor den Stadttoren. In der Antike boten die Mauern einer Stadt Sicherheit und garantierten in ihrem Gebiet eine Ordnung. Die Feinde einer Stadt, Räuberbanden und andere Gefahren sollten draußen bleiben. Die Menschen bauten sich in ihrer Stadt ihre eigene kleine Welt und konnten sich mit der Mauer zumindest vor manchen Unsicherheiten der großen Welt absichern. Aber Gott bleibt gerade nicht in der Sicherheit der Stadt. Er geht, in vollem Bewusstsein Leiden zu erfahren, nach draußen. Er bleibt nicht im Heilen, sondern geht auch in das Ausgestoßene, das in der Stadt keinen Platz hat.
Aus diesem Bild von Christus draußen vor dem Tor ergeben sich für mich zwei Linien:
- Wenn ich Jesus nachfolgen will, muss ich mich aus meiner eigenen Stadtmauer hinaus, in die brüchige Welt begeben. Vielleicht ist diese Stadtmauer manchmal auch die Kirchenmauer. Aber gerade das Wissen darum, dass wir in dieser Welt ohnehin keine bleibende Stadt haben, sondern auf eine zukünftige hoffen, kann mir das Handeln erleichtern. Ich kann mich für meinen Glauben und für meine Mitmenschen einsetzen, ohne mich an diese Welt klammern zu müssen.
- Zugleich heißt das aber auch: Ich muss nicht ständig stark sein, nicht immer hinausgehen, nicht immer noch etwas leisten, um zu Jesus zu gehören. Gerade Menschen, die vieles loslassen mussten, die nicht mehr so können wie früher, die eher angewiesen sind als selbst gestalten zu können, sind nicht näher an den Rand geraten. Denn Christus ist ja selbst an den Rand gegangen. Er ist draußen vor dem Tor, bei den Verletzlichen, bei den Müden, bei denen, die keinen sicheren Ort mehr haben. Darum liegt auch in diesem Wort Trost: Wo mein eigenes Leben brüchig wird, wo Sicherheiten wegbrechen und Kräfte schwinden, da bin ich Christus nicht fern. Im Gegenteil: Gerade dort ist er mir nah. Die Hoffnung auf die zukünftige Stadt bedeutet dann nicht Auftrag, sondern Zuspruch: Ich darf schon jetzt zu Christus gehören – und damit zu dem, was bleibt.
Wir dürfen heute gemeinsam Abendmahl feiern. Und das Abendmahl ist ja nicht einfach nur eine fromme Erinnerung. Es ist ein Zeichen dafür, dass Christus gegenwärtig ist. Mitten in einer unsicheren Welt, mitten in allem, was uns beschäftigt und belastet, lädt er uns an seinen Tisch. Da müssen wir uns unseren Platz nicht verdienen. Da dürfen wir kommen mit unserer Unruhe, mit unseren Fragen, mit unserer Hoffnung und auch mit unserer Müdigkeit. Und wir bekommen einen Vorgeschmack auf das, was einmal ganz Wirklichkeit werden soll: Gemeinschaft mit Christus, Gemeinschaft untereinander, Frieden bei Gott. Man könnte sagen: Im Abendmahl leuchtet schon etwas von dieser zukünftigen Stadt auf, die wir noch nicht sehen und doch schon suchen.
Vielleicht ist das dann auch der Punkt, an dem sich unser Predigttext und das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ tief berühren. In der fünften Strophe heißt es: „Gott, lass dein Heil uns schauen, auf nichts Vergängliches trauen, nicht Eitelkeit uns freun;
lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.“ – genau darum geht es. Nicht so zu leben, als müssten wir uns hier die bleibende Stadt selbst bauen. Nicht so zu tun, als könnten wir uns selbst die letzte Sicherheit geben. Sondern mit kindlichem Vertrauen zu leben: in einer unruhigen Welt, unter einem weiten Himmel, getragen von dem Gott, der sie kennt und in seinen Händen hält. So dürfen wir in dieser Welt leben, handeln, hoffen und auch manch scheinbar Vertrautes loslassen – weil unsere Zukunft nicht im Vergänglichen liegt, sondern bei Gott.
