für die Woche vom 15. bis zum 21. Februar
Predigt am Sonntag, 15. Februar, über Lukas 18, 31-43,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider
Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.
Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.
Liebe Gemeinde,
es ist interessant, was Jesus in diesem Abschnitt sagt – interessant nicht zuletzt für unsere Zeit und für uns, denn ich glaube, hier lässt sich etwas lernen.
Als Erstes sagt Jesus voraus, dass er leiden und sterben wird – und auferstehen. Er wird überantwortet werden den Heiden, das heißt den Römern, weil die die Todesstrafe an ihm vollstrecken werden. Überantworten werden ihn der Hohepriester und seine Leute. Diese alle, einschließlich des römischen Statthalters und seiner Soldaten, sind Machtpolitiker. Sie herrschen und wollen herrschen und sie haben ihre Art, ihr Recht des Stärkeren durchzusetzen. Jesus gerät in ihre Mühlen, auch wenn er selbst gerade kein Machtpolitiker ist. Gerade deswegen kann er sich nicht wehren und kommt er da nicht mehr heraus. So ist der Lauf der Welt. Oder Nein: So wäre der Lauf der Welt, wenn das schon alles wäre. Aber es ist eben noch nicht alles. Jesus wird auferstehen. Denn mit Jesus gerät nicht einfach ein normaler Mensch in die Mühlen der weltlichen Machtspiele, die über Leichen gehen. Mit Jesus gerät auf irgendeine Weise, die wir nicht mehr hundertprozentig verstehen, auch Gott selber in diese Mühlen der Welt und in das Verhalten der Menschen hinein. Er begibt sich freiwillig hinein, weil er anders ist, weil es ihm um etwas vollkommen anderes geht als Macht so auszuüben wie die Welt, wie die Menschen das eben tun, normalerweise. Und das sieht man zunächst daran, dass Jesus fortfährt: Und am dritten Tag wird er auferstehen. Am dritten Tag wird er das alles umstürzen, wird er das alles über den Haufen werfen, was seine Gegner gedacht und getan haben. Auf eine Weise, die ohne jede weltliche Macht und Gewalt auskommt. Auf eine Weise, die etwas unendlich viel Wichtigeres tut und bedeutet als es weltliche Macht jemals tun oder bedeuten könnte. In Jesus besiegt Gott den Tod.
Interessant ist daran zum Beispiel, dass sich die Welt und die Menschen seit damals offensichtlich nicht geändert haben. Wir haben uns in den letzten Monaten und Jahren wieder daran gewöhnen müssen, dass in dieser Welt die Machtpolitik anscheinend eher der Normalzustand ist als das, was wir seit den 1990er Jahren erlebt haben, möglicherweise sogar seit den 1950er Jahren. Dass wir im Prinzip gute Zeiten erlebt haben wie die seit dem 2. Weltkrieg, sollte uns das nicht dankbar machen? Es kann sein, dass sie so schnell nicht wiederkommen. Aber es ist zumindest auch so, dass Jesus auch in so einer Welt gelebt hat, wie sie es jetzt wieder zu werden scheint, dass er sich auch und gerade in eine solche Welt hineinbegeben hat, ja dass durch ihn – Gott selber sich in so eine Welt hineinbegeben hat, um für uns zu leiden und zu sterben, um die Fehler, die dieses menschliche Verhalten nun einmal bedeutet, auf sich selber zu nehmen. Was immer Menschen anderen Menschen am Schlechtem antun – sie haben es auch Gott angetan, Gott in Jesus Christus. Und er hat es getragen. Und am dritten Tag ist er auferstanden. Und damit hat er diese Welt besiegt. Weil er damit die Sünden der Welt besiegt hat. Weil der damit den Tod besiegt hat, den Tod und die Gewalt. Auf eine Weise, die sich vorher niemand so recht hätte vorstellen können.
Warum hat er das getan? Darauf gibt es mehrere Antworten: Weil der die Welt nicht vernichten wollte. Weil er den Menschen, von denen so viele seine Feinde sind, etwas schenken wollte, was nur er schenken kann und niemand sonst, Rettung und Erlösung. Letztlich aber wird die Antwort wohl lauten müssen: aus Liebe. Weil er die Welt liebt. Weil er die Menschen liebt, aber nicht einmal nur sie und schon gar nicht nur die, die auch an ihn glauben, sondern alle, alle Sünder und alle mehr oder weniger Gerechten, ja sogar die, die ihn ans Kreuz gebracht haben. Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Dieser Satz sagt eigentlich alles. Er gilt denen, die ihn angenagelt haben. Er gilt uns und allen, die wir Sünder sind, die wir schwach sind, die wir so vieles eben auch nicht verstehen. Und er sagt uns: Das spielt für mich keine Rolle. Ich liebe dich trotzdem. Denn ich habe dich je und je geliebt, und das unabhängig davon, was Du erreichst oder nicht.
In unserem Textabschnitt wird das auch deutlich. Das nächste, was Jesus sagt, ist dann der Satz, den er zu dem Blinden spricht, der nach ihm gerufen hat: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Was für ein schöner Satz. Gott kommt auf die Erde und sagt: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Das ist der Satz eines Dieners. Und ja, Gott kam in Jesus, um uns zu dienen. Nicht um zu herrschen, nicht um zu strafen, nicht um uns mit Macht und Gewalt zu begegnen, sondern als unser aller Diener. Eine größere Liebe kann man sich gar nicht vorstellen. Hätte Gott das denn nötig gehabt, sich so zu verhalten? Nein, natürlich nicht, er hätte vermutlich unendlich viel anderes auch tun können. Aber stimmt das denn? Vielleicht musste er es doch, sich so verhalten, musste er es doch, weil er gar nicht anders konnte – denn er liebte uns ja. Er liebte uns und die Welt, die er von Ewigkeit her geliebt hat und in alle Ewigkeit lieben wird, noch bevor die Welt geschaffen war, noch bevor wir selber geschaffen worden sind. Und auch noch wenn wir diese Welt schon verlassen haben werden und wenn die Welt nicht mehr existieren wird, während wir dann einen neuen Himmel und eine neue Erde bewohnen werden.
Das letzte, was Jesus sagt, ist: Sei sehend. Dein Glaube hat dir geholfen. Das ist die Reaktion, das ist die Antwort, die uns auf all das bleibt: zu Glauben. Zu Glauben, das ist: eine Beziehung zu Gott haben, eine Beziehung zu Jesus haben. Zu glauben, das ist nicht eigentlich: das Für-Wahr-Halten von Sätzen, die alle ein bisschen komisch oder unglaubwürdig sind. Sondern zu glauben, das ist, zu sagen: Jesus, ich danke dir für alles, was du mir schenken willst, oder eigentlich sogar schon längst geschenkt hast. Die Vergebung der Sünden. Den Siegt über den Tod. Jesus, mach auch mich sehend, damit ich dich sehen kann, damit ich dich begreifen kann mit meinem kleinen Verstand, und damit die Freude über dich auch mich erfüllen kann. Die Freude über das, was durch dein Leiden und Sterben und dein Auferstehen auch für mich in diese Welt hineingekommen ist. Denn das ist wichtiger als alles, was in der Macht von Menschen steht. Es kommt von niemandem als von dir. Das aber wirklich.
Amen
