Andacht der Woche vom 13. bis 19. September

Danket dem Herrn! Wir danken dem Herrn
Evangelisches Gesangbuch Nr. 333; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper

Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 13. September, von Pfarrer Walter Neunhoeffer

Es gibt Begegnungen, die eine ganz besondere Bedeutung im Leben gewinnen. Ich erinnere mich an Gespräche mit wildfremden Menschen in der U-Bahn während eines Kirchentages oder an Gespräche zur fortgerückten Stunde mit meinen Geschwistern auf einem Familientreffen. Wenn man ein wenig nachsinnt, warum gerade diese Begegnungen eine so hohe Bedeutung bekommen haben, dann wird man feststellen, dass eine Erfahrung, so unterschiedlich die Begegnungen auch sein mögen, gemeinsam ist: Man fühlte sich in besonderer Weise wahrgenommen in seiner Ganzheit und Besonderheit. Man wurde wahrhaftig gesehen, mit dem, was einen ausmacht und was man vielleicht auch viel zu selten zeigen kann.
So eine Begegnung durfte auch Zachäus machen:
Und Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
(Lukas 19,1-10)
Jesus will Zachäus sehen und offensichtlich will er mehr sehen, als die anderen. Er will ihn nicht nur als den Oberzöllner wahrnehmen, der ohne Skrupel andere ausnimmt und dabei keine Rücksicht auf deren Lebenssituation nimmt. Er will mehr sehen als den, der gemeinsame Sache mit den ungeliebten Römern macht und dem man besser nicht über den Weg traut. Jesus sieht in Zachäus auch den, der liebesbedürftig und zerbrechlich ist, der sich einsam fühlt und sich oft genug selbst nicht leiden kann, der sich hasst, weil er immer wieder so ist wie er ist.
Das alles sieht Jesus und will Gemeinschaft mit ihm haben: „Ich muss heute in deinem Haus einkehren!“ Jesus will Zachäus kennenlernen und zwar ganz und gar und sich nicht nur auf eine Sichtweise einschränken.
Ich wäre gern bei dem Gespräch Jesu mit Zachäus dabei gewesen und würde nur zu gern wissen, worüber sie geredet haben. Zachäus muss sich aber wahr- und ernstgenommen gefühlt haben und eben die Erfahrung machen, dass es Begegnungen gibt, die von ganz besonderer Bedeutung sind. Denn die Begegnung mit Jesus befreit Zachäus dazu, auch mehr zu sehen. Nun werden die Menschen, die unter ihm gelitten haben, wirklich zu Menschen und nicht nur zu Objekten für den eigenen Vorteil. Jetzt kann er sehen, wieviel Unrecht er getan hat und wieviel Unglück er damit über Menschen gebracht hat. Offensichtlich kann er sich jetzt in andere einfühlen und muss nicht mehr nur sich selbst im Blick haben. Deshalb sagt Jesus auch voller Freude: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren!“
Ja das Heil war mit Händen greifbar, weil im Haus des Zachäus Mitmenschlichkeit einzog. Das war Jesus wichtig und dafür nahm er auch gern Ärger in Kauf.
Ein wenig stutzig macht es mich aber, dass Zachäus im weiteren Verlauf der Heilsgeschichte keine Erwähnung mehr findet und auch in der Erzählung über ihn nicht berichtet wird, dass er zu einem Jünger Jesu geworden wäre. Ich frage mich: War die Begegnung mit Jesus doch nicht so nachhaltig? Welchen äußeren und inneren Widerständen sah er sich konfrontiert?
Vielleicht spürte er, dass sein Ankündigung ja dann auch ganz konkrete Auswirkungen auf sein Leben hat. Ihm wurde bewusst, dass er sein Leben dann auch verändern muss und dass es dann schon auch noch einen großen Willensakt braucht, um diese Veränderung auch durchzuziehen.
Das macht ja auch den Umstieg unserer Gesellschaft zu einem klimafreundlichen Leben so schwierig, dass wir dann wirklich unser Leben verändern müssen, liebgewonnene Verhaltensweisen ablegen, Bequemlichkeiten aufgeben, unsere eigenen Möglichkeiten, die wir ohne Frage haben, nutzen müssen.
Vielleicht erlebte er auch bei der Umsetzung seiner Ankündigung, wie er gegenüber bisherigen Freunden und Geschäftspartnern Rückgrat zeigen musste, dass er dann nicht mehr die eine oder andere Information weitergeben wollte und dafür dann auch gnadenlos abgestraft wurde. Ihm wurde klar, dass er mit mächtigen und einflussreichen Kräften keine gemeinsame Sache mehr machen konnte. Dass das aber dann auch bedeutete, selbst Nachteile in Kauf nehmen musste.
Vor dieser Frage stehen wir auch gerade als deutscher Staat und Europäische Union. Sind wir bereit, auch wirtschaftliche Nachteile in Kauf zu nehmen, weil wir offensichtliches Unrecht nicht akzeptieren wollen?
Vielleicht erfuhr Zachäus aber auch, dass es gar nicht so einfach war seine Ankündigung umzusetzen, weil ihm die, denen er Gutes tun wollte, zutiefst misstrauten. Warum sollte der, der uns jahrelang belogen und betrogen hat, sich nun verändert haben? Die Verletzungen, die er uns zugefügt hat, sind zu tief, als dass wir ihm jetzt glauben können. Mir geht es besser, wenn ich mit so jemanden wie dem Zachäus nichts zu tun habe. Ob es Zachäus bewusst war, welch langen Atem er beweisen muss, um das berechtigte Misstrauen ihm gegenüber zu überwinden?
Ich wünsche es mir sehr, dass Zachäus diesen langen Atem beweisen konnte und die Begegnung mit Jesus dadurch nachhaltig wurde. Denn es ist so wunderbar, als ganzer und von Gott geliebter Mensch wahrgenommen zu werden, auch mit seiner Verletzlichkeit, seiner Liebesbedürftigkeit, mit seiner Schuld.
Diese Begegnungen, die Begegnungen mit Gott selbst sind, tun gut. Dass dann daraus Glauben und Leben wird, bleibt wohl eine lebenslange Aufgabe, bei der man immer wieder innere und äußere Widerstände überwinden muss und bei der man sich immer wieder auch selbst verlieren kann.
Wie gut, dass uns Jesus Christus entgegenkommt und verspricht: „Der Menschensohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“
Amen

Nun danket alle Gott von Sigfrid Karg-Elert; Orgel: KMD Ingrid Kasper

Die Kollekte am Sonntag, 13. September, ist zur Hälfte für unser Sozialcafé und zur Hälfte für unsere eigene Gemeinde bestimmt. Im Sozialcafé erhalten mittwochs 14-tägig bedürftige Menschen einen Kaffee und einen Essensgutschein zum Einlösen anderswo. Wenn Sie etwas spenden möchten, überweisen Sie den Betrag bitte auf das Konto der Kirchengemeinde (Sie finden es hier in der Mitte der rechten Spalte) und geben Sie als Spendenzweck "Sozialcafe" und/oder "Gemeinde St. Stephan" an. Herzlichen Dank.