Wochenandacht

Predigt am 24. Dezember über die Weihnachtsgeschichte in Lukas 2
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider

1Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. 2Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. 3Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.
4Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, 5auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. 6Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. 7Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
8Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. 9Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. 10Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 12Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. 13Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
15Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. 16Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. 17Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. 19Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Liebe Gemeinde,

was lesen wir nicht alles in den Zeitungen, von Kriegen und Problemen, die leider alle real sind, oder von Milliardären und Diktatoren, die die Welt beherrschen und die sich Paläste bauen! Was hören wir nicht alles über die Zukunft und die Probleme, die erst noch kommen werden! Und wie sehr schlägt es auf die Stimmung, denn jede und jeder von uns lebt ja auch in dieser Welt und es ist auch unser Leben,  in dem das alles seinen Einfluss und seine Wirkung entfaltet.

Es hat schon bessere Zeiten gegeben als das Jahr 2025. Es hat schon schlechtere Zeiten gegeben, das auch. Was am 24. Dezember des nächsten Jahres sein wird, wir wissen es nicht. Aber wir werden wieder Weihnachten feiern, wir werden wieder feiern, dass Jesus auf die Welt gekommen ist, dass er von Gott gekommen ist und für uns. Denn es war diese Welt, in der er geboren wurde, in der er gelebt hat und in die er die Liebe Gottes hineingetragen hat wie niemand außer ihm es jemals getan hat. Es war diese Welt, die ihn später hingerichtet hat. Es war diese Welt, in der er später auferstanden ist, ja für die er später auferstanden ist. Es war diese Welt, die er mit seinem Kommen für immer verändert hat.

Auch damals gab es Paläste und Menschen mit unermesslichem Reichtum. Auch damals gab es Kriege und Probleme und Menschen, die Angst vor der Zukunft hatten. Und hier wurde es Weihnachten, hier hinein kam Jesus, gleichsam von außen und ganz und gar unabhängig davon, dass die Welt eigentlich gar keine Voraussetzungen dafür geboten hat, außer gerade einmal einem Stall in Bethlehem. Und doch kam mit ihm die Liebe Gottes, kam mit ihm die Erlösung von den Grenzen dieser Welt, kam mit ihm die Vergebung aller Sünden. Im ersten Moment hat ihn fast niemand bemerkt. In einer kleinen Stadt in der Provinz wurde er geboren und die ersten, die von ihm erfahren haben, waren die Hirten auf dem Felde. Das Wesentliche aber, es war schon damals für die Augen unsichtbar. Das Wesentliche sah man schon damals, um ein bekanntes Zitat aufzugreifen, nur mit dem Herzen. Denn das Wesentliche kommt eben vom Herzen her, um in diesem Bild zu bleiben, es kommt von Gottes Herzen her und das Wesentliche an Weihnachten ist Gottes Liebe für die Welt.

Weihnachten, das ist wie wenn Gott eine neue Matrix über diese Welt legen würde, eine neue Landkarte, eine zweite Schicht, in der ganz andere Dinge sichtbar werden als die, die wir Menschen normalerweise mit unseren Augen sehen oder die wir Menschen normalerweise für wichtig halten. Er legt eine neue Schicht über den ganzen Planeten Erde und über das gesamte Weltall. Und auch wenn die Welt darunter erst einmal die gleiche bleibt, die sie bisher war, auch wenn die Reichen und Mächtigen weiterhin in ihren Palästen wohnen bleiben, auch wenn die Kriege nicht einfach von heute auf morgen zu Ende gehen, auch wenn die Fragen und Probleme die gleichen sind wie vorher auch – so ist es dennoch so, dass man seit Weihnachten anfangen kann, noch mehr wahrzunehmen als das, noch ganz andere Dinge, die wichtig sind, ja wichtiger als das alte Verständnis der Welt es dachte. Zum Teil ist das eine ganz deutliche Umwertung aller Werte. Denn jetzt geht es auf einmal darum, dass Gott diese Welt und uns noch einmal ganz anders sieht als wir es tun, als wir es getan haben, und dass auch wir noch einmal eine andere Perspektive bekommen, einen anderen Blick darauf bekommen sollen.

Um einmal Jochen Klepper zu zitieren – ein Weihnachtslied, das er geschrieben hat, beginnt mit den Worten: Mein Gott, dein hohes Fest des Lichtes hat stets die Leidenden gemeint. Das kann man ergänzen: die Leidenden, ja, und die Unterprivilegierten, die Minderbemittelten, die Kranken. Die Hirten stehen sozusagen symbolisch dafür, dass Gott nun, mit Weihnachten, anfängt uns klarzumachen: Es geht meiner Liebe um jeden Menschen. Es geht meiner Liebe um die ganze Welt. Niemand wird vergessen. Niemand ist zu gering. Im Gegenteil: Gerade die, die sich fragen: Gibt es denn in diesem Leben überhaupt einen Platz für mich? Hat denn auch mein Leben so etwas wie einen Sinn oder noch eine Zukunft? Ich habe doch Probleme. Ich kenne doch meine Schwächen. Ich habe doch meine Fehler gemacht. Ich fürchte mich doch vor der Zukunft. Ja, sagt Gott, gerade für euch ist Jesus Christus gekommen, gerade für euch hat er Geschichten erzählt wie die von dem Sohn, der alles verloren hat und der selber verlorengegangen ist und den der Vater doch voller Freude in seine Arme schließt. Das ist es, was an Weihnachten beginnt. Für euch. Für euch alle.

Das ist es, was ich vorhin mit einer neuen Landkarte, mit einer zweiten Schicht gemeint habe, die sich über die alte Welt legt. Wenn man nun durch sie hindurchschaut auf die Welt, dann leuchtet jetzt nicht mehr der Palast des Kaisers von Rom am hellsten, sondern zunächst ein kleiner Stall in Bethlehem und nach und nach beginnen alle Orte zu leuchten, an denen Menschen leben, an denen Menschen leben, denen etwas fehlt am Leben, die zu kurz gekommen sind, und die von Jesus etwas erfahren oder gar an ihn glauben – und in gewissem Maß sind wir das alle, denn auch die, denen es gut geht, materiell vielleicht, haben Sorgen und Probleme, denn auch die, denen es in so mancher Hinsicht gut geht, brauchen die Vergebung der Sünden. Und Jesus hat sie gebracht. Heute erinnern wir uns wieder daran.

Vielleicht kann man es auch so sagen: Das Christentum ist zwar nicht einfach die Lösung der Weltprobleme, denn das Christentum ist kein politisches Programm und kein bestimmtes Wirtschaftssystem. Es ist nicht einmal ein bestimmtes Weltbild, über das man sich streiten könnte oder müsste. Aber es ist eine Art Antwort auf die Fragen, die sich jeder Mensch stellen kann und muss, weil sie die wichtigen Fragen unseres Lebens sind: Und was ist mit mir? Wer bin ich, was soll ich hier, woher komme ich, wohin gehe ich? Und wer liebt mich denn? Was ist mit den anderen – mit denen, die ich liebe, oder überhaupt mit allen? Was ist mit den Kranken, mit denen, die keinen Frieden haben, mit denen, die viel zu früh gestorben sind? Zu jedem Menschen, zu uns und zu jedem dieser Menschen sagt Gott: Ich habe dich je und je geliebt. Mir bist du von Ewigkeit her wichtig gewesen und bleibst es in Ewigkeit. Wie auch immer die Welt mit dir umgeht: Jesus ist gekommen, um auch in dein Leben Neues hineinzubringen, um auch deinem Leben eine Hoffnung zu geben, eine Hoffnung über diese Welt hinaus; um dir etwas zu geben, woran du dich im Glauben festhalten kannst, um dir zu zeigen, was Liebe ist und damit auch dein Herz anzurühren. Ja, für die Augen mag das unsichtbar sein. Aber im Inneren, da kannst du es hören, da kannst du es erfahren, und selbst im Glanz und Glitzer von Weihnachten, in den alten Liedern und den alten Worten der Weihnachtsgeschichte, da komme ich jedes Jahr wieder neu zu dir und genau das will ich auch. Denn dir ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.  - Amen