Wochenandacht

für die Woche vom 20. bis zum 26. Juni


Vergiss nicht zu danken dem ewigen Herrn
Evangelisches Gesangbuch Nr. 602; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper

 

Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 20.6.2021, über Lukas 15, 1-10,
von Prädikantin Anna-Franziska von Schweinitz

I. Manchmal berühren sich Himmel und Erde. Dann geraten die physikalischen Gesetze ins Wanken. Dann bleibt nichts so wie es ist. Dann sind die Gesetze von oben und unten, Himmel und Erde aufgehoben, der Mensch nicht mehr der Schwerkraft und der Zeit unterworfen, wenn sich der Himmel ihm zuneigt und er sich nach dem Himmel streckt.
Manchmal berühren sich Himmel und Erde. Wenn wir geliebt werden. Und noch mehr, wenn wir selbst lieben. Wenn wir nicht mehr rechnen. Wenn wir uns entäußern, über uns selbst hinauswachsen. Wenn wir mit Wonne verletzlich werden. Dann berühren sich Himmel und Erde.
Von einem liebenden, sich entäußernden, verletzlichen Gott sprechen die drei Gleichnisse aus dem Lukas-Evangelium, von denen heute die Rede ist. Wir hörten schon in Text und Lied vom Verlorenen Sohn und unser Predigttext handelt vom Verlorenen Schaf und vom Verlorenen Groschen.
Wir wollen die Perspektive einmal umdrehen! Lassen Sie uns diese Gleichnisse als Geschichten vom Glück des Findens lesen. Lassen Sie uns Gott als glücklichen Finder erleben:

Lukas 15, 1-10
1 Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.
3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: 4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? 5 Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. 6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. 7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.
8 Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? 9 Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. 10 So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

II. In diesen drei Gleichnissen erleben wir nicht nur das Schaf, den Groschen und den Sohn, die verloren gehen, gesucht und gefunden werden.
Sondern wir erleben Gott als Liebenden. Gott als den, der das Geliebte verliert und es verzweifelt sucht. Gott als Hirten, dessen Herz an jedem einzelnen Schaf hängt – so sehr, daß er nicht ruht, bis er das eine, das verlorene Schaf wiederfindet. Gott als Frau, die nicht aufgibt, bis sie glücklich ihre zehn Groschen wieder beisammen hat. Gott als glückseligen Vater, der keines seiner beiden Kinder verloren geben will: Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.
Wer wollte da nicht mitfeiern! Auch die Verbitterung des Älteren muß darüber schmelzen, denn auch ihm ist doch der Bruder wieder lebendig geworden.
Das Himmelreich scheint auf in drei alltäglichen Geschichten. Geschichten, die von der Sehnsucht erzählen, von der Kraft der Liebe. Der Himmel, die Engel des Herrn, Gott selbst gerät außer sich vor Verzweiflung über den Verlust auch nur eines Einzigen von uns und wir können uns in ihm wiedererkennen. Der Himmel, die Engel des Herrn reagieren geradeso wie wir selbst, wenn etwas verloren Geglaubtes zu uns zurückkehrt, wenn wir einem kostbaren Gegenstand oder geliebten Menschen nachgehen und ihn retten können. Und geradeso gerät Gott selbst außer sich vor Freude, wenn er wiederfindet, was verloren geglaubt war.

III. Die drei Gleichnisse im Lukas-Evangelium sind gemeinsam eingebettet in eine Rahmenerzählung: Jesus sucht die Nähe derer, die sich – so meinen die Frommen – von Gott entfernt, ja abgesondert haben. Pharisäer und Schriftgelehrte dienen als Chiffre für die Gott-Nahen, Sünder und Zöllner als Chiffre für die Gott-Fernen. Die einen erkennen sich in den 99 Schafen, den 9 Groschen und dem älteren Sohn, die anderen in dem Verlorenen.
Die vermeintliche Nähe der Frommen zu Gott ist hart erarbeitet, durch Gesetzestreue und Befolgung von Riten und Gebräuchen. Das schafft eine einfach und sicher überprüfbare Abgrenzung von den anderen, von denen, deren Beruf sie bereits brandmarkt, ein Schicksal, eine Krankheit oder eine falsche Entscheidung. So werden aus Anderen schnell Ausgesonderte, ja Sünder.

Die Hinwendung Jesu zu diesen Anderen verstört. Sie wirft die irdischen Ordnungen über den Haufen, schafft Unruhe. Diejenigen, deren Ansehen an ihrer Gesetzestreue und deren Bedeutung hängt, verlangen eine Erklärung.
So erzählt Jesus drei kleine, alltägliche Geschichten vom Glück des Wiederfindens. Jede von ihnen schildert die Weigerung, auch nur ein Einziges verloren zu geben und die Freude über das Wiedergefundene: Freut euch mit mir, denn ich habe gefunden, was verloren war.
Und Jesus deutet die Gleichnisse: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.
Fröhlichkeit, Gesang und Tanz verstimmen den gesetzestreuen älteren Bruder geradeso wie die gesetzestreuen Zuhörer – vielleicht auch manch einen von uns heute hier in St. Stephan.
Obwohl der Erzähler Jesus die Zahlenverhältnisse vom ersten bis zum dritten Gleichnis von 1% bis zu 50% angehoben hatte, obwohl zuletzt der Verlorene sogar aus eigener Kraft zurückkehrt, verstehen sie es nicht.
Sie hören von der Freude im Himmel über einen Sünder, über-hören seine Buße und nehmen es als Absage an ihre Gesetzestreue, die es ja gar nicht ist – im Gegenteil.
Sie sehen die Nöte dessen nicht, der da vom Wege abgekommen am Schweinetrog saß oder in den Dornbüschen hing. Sie verkennen, wie selten es wirklich gelingt, gesetzestreu zu leben. Sie vergessen, daß auch sie schon in Sackgassen steckten und sich selbst verloren gaben. Daß jeder auf Rettung aus solch fatalen Situationen sehr angewiesen ist und Gott sie nicht verloren gibt.
Sie über-hören, daß auch sie gemeint sind. Daß die Freude im Himmel jederzeit ihnen gelten kann. Jedem. Auch uns hier in St. Stephan.

IV. Was genau ist es nun, das den älteren Sohn so verbittert? Was an Jesu Nähe zu den Zöllnern und Sündern ist so gefährlich, daß die Pharisäer und Schriftgelehrten ernstlich darüber nachdenken, ihn aus dem Weg zu schaffen?
Um es auf den Punkt zu bringen: Was macht die Liebe so gefährlich?
Es ist die Überwindung des Gesetzes, das Unberechenbare und die vermeintliche Ungerechtigkeit – der ältere Sohn spricht es deutlich aus. Der damit einhergehende Kontrollverlust ist manchmal schwer zu ertragen. Und so wird dieser sich entäußernde, liebende, seine Geschöpfe bedingungslos liebende Gott zur Zumutung, die selbst die Jünger nicht verstanden.
Sie verstanden die Botschaft nicht, obwohl sie selbst wohl nicht anders handeln würden. Sie verstehen die Botschaft nicht, als es um eines von 99 Schafen geht  und auch dann nicht, als es um einen von zehn  - immerhin - Silbergroschen geht. Und selbst, als es um einen von zwei Söhnen geht, noch dazu einen, der selbst den Weg zurück sucht, bleiben ihre Herzen verschlossen.
Und wir, die wir ja wissen, wie die Geschichte weitergeht, stocken bei dieser Rechnung. Der liebende Gott, der dem Hirten, der Frau und dem Vater gleicht, wird mit diesen Zahlenverhältnissen als einer gezeigt, der eben nicht rechnet! Er wird nicht mehr lange warten und seinen einzigen Sohn opfern, um uns alle vor Sünde und Tod zu retten. Und dieser Sohn, geschunden am Kreuz hängend, wird sich des neben ihm hängenden Schächers erbarmen, als dieser Reue zeigt.

V. Ein Gott, der sich vor Sehnsucht verzehrt, statt Kontrolle auszuüben, ist ein Rätsel. Ein Gott, der die Ohnmacht statt der Macht wählt, ist gefährlich. Ein Gott, der lieben und nicht richten will, verstört. Ein Gott, der stirbt, um Leben zu bringen, das ist zu viel.
Die Verletzlichkeit Gottes verunsichert auch uns. Selbst den Jüngern machte sie Angst.

Sie fingen erst nach Ostern an, zu begreifen. Schritt für Schritt. Und sie wurden mit jedem Schritt mehr verwandelt.
Die Liebe des ohnmächtigen, versehrten Gottes am Kreuz will auch uns verwandeln, will in uns blühen, reifen und reiche Früchte tragen. Gott läßt uns nicht, auch in der schlimmsten Lage nicht. Er geht uns nach und will uns wiederfinden. Das Fest ist längst bereitet, alles wartet darauf, in österlichen Jubel auszubrechen:
Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden!
Dieselben werden wir dann nicht sein. Sondern belebt von der Liebe Gottes. Unser Herz wird sich weiten. Wir werden uns entäußern. Und wir werden über uns hinauswachsen.
Es wird sich erfüllen, was am Ende jeder Predigt steht:
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Finale
von Felix Mendelssohn Bartholdy; Orgel: KMD Ingrid Kasper


Die Kollekte am Sonntag, 20. Juni, ist je zur Hälfte für die diakonische Arbeit in Mecklenburg und für die Kirchengemeinde St. Stephan bestimmt. Wenn Sie etwas spenden möchten, nutzen Sie bitte das Konto der Kirchengemeinde St. Stephan (Sie finden es hier in der rechten Spalte) und geben Sie als Spendenzweck "Diakonie Mecklenburg" und/oder "Kirchengemeinde St. Stephan" an.
Wenn Sie nur für den allgemeinen Zweck und nicht für die Kirchengemeinde spenden möchten, können Sie ab einer Spendenhöhe von 5 € auch das Online-Spendenportal der Bayerischen Landeskirche nutzen.
Herzlichen Dank.