Wochenandacht

für die Woche vom 25. bis zum 31. Oktober

Wohl denen, die da wandeln
Evangelisches Gesangbuch Nr. 295; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper

Predigt für den 25.10.20, 20. Sonntag nach Trinitatis, zu Markus 2,23-28
von Pfarrer Johannes Wagner-Friedrich

²³Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. ²⁴Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? ²⁵Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: ²⁶wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? ²⁷Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. ²⁸So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Liebe Gemeinde,
was ist schon dabei, beim Spaziergang über die Felder, am Sabbat, am Ruhetag der Woche, mit den Händen über die Ähren zu streifen und sich welche pflücken, um die Körner zu kauen? Bauern sah ich früher oft so prüfen, wie reif das Korn war. Als Kinder machten wir das auf unseren Streifzügen durch die Natur, weil es einen guten Geschmack im Mund gab.
Eine kleine Geschichte aus dem wirklichen Leben auf dem Land erzählt uns das Markusevangelium und, wie es in seinen frühen Kapiteln uns mehrfach begegnet, daran anschließend eine Auseinandersetzung. Aus dieser kleinen Korngeschichte entwickelt sich eine Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Pharisäern, einer Gruppe gesetzestreuer Juden. Und man kann sich jetzt schon fragen: Geht es wirklich um das Ährenpflücken, eine ziemliche Kleinigkeit eigentlich, oder geht es in Wirklichkeit noch einmal um etwas ganz anderes?
Der Sabbat, der Tag, an dem sich das zuträgt, ist nicht irgendein beliebiger Tag. Es ist ein geschützter Tag, der Ruhetag der Woche. So etwas gab es damals im gesamten Orient nicht, nicht bei den Ägyptern, nicht bei den Babyloniern mit ihren Hochkulturen, die im Grunde auch nur auf dem Rücken von Sklaven errichtet worden waren. Bei denen wurde durchgearbeitet, ohne Unterlass, bis man fertig war mit dem Leben.
Eine großartige Erfindung der Menschheit verdanken wir dem jüdischen Feiertag. Die geschützte Ruhe. Die verdanken wir Gott, bekennen die Juden, denn der musste ja schließlich auch einmal ruhen nach seiner anstrengenden Schöpfungsarbeit. Und um diesen Tag zu schützen gab und gibt es Regeln, damit dieser ganz und gar sinnvolle Tage nicht verschütt geht im 24/7-Betrieb des ununterbrochenen Schaffens, Handelns, Produzierens und Konsumierens. „Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?“ Hätten die Jünger sich nicht einfach am Tag vorher, am Vorbereitungstag des Sabbats, ein Vesperbrot einpacken können?

Da wandelt sich die Geschichte, und es geht nicht mehr ums Ährenraufen, es geht um Jesus selbst, seine Bedeutung, seine Rolle. Jesus ist nicht irgendein Regelverletzer, er ist der Erfüller des Willens Gottes, kein Geringerer. Dazu greift er tief in die Geschichte Israels, den berühmten König David zieht er heran, aus einer Zeit, als der noch kein König war. Man erzählte sich nämlich, dass der sich nicht genierte, die Brote, die eigentlich nur für die Priester vorgesehen waren, also etwas Heiliges, Unantastbares, aus dem Tempel zu holen und sie seinen hungrigen Gefährten zu Essen zu geben. Wenn das kein Verstoß war gegen die heiligen Gesetze des Tempels! Der große David! Was habt ihr denn dazu zu sagen? Was regen euch da meine Jünger auf, die am Sabbat ihre Freude daran haben, dass das Korn gut dasteht?
Von der Freiheit erzählt uns diese Geschichte, von der Freiheit, zu der uns Christus befreit. „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Die Gesetze sind in Ordnung, wenn sie dem Menschen dienen. Und wenn sie es einmal nicht tun, wenn sie einen Menschen in ein Korsett zwingen, in dem er nicht leben kann, dann sollte man sich eher Gedanken darüber machen, aus welchem Grund und wofür es sie gibt. Leben zu bewahren und zu schützen, das geht nicht verloren und das kommt nicht in Gefahr, wenn die Jünger auf ihrem Spaziergang durch die Felder vom Korn kosten.
„So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“ Alles in dieser Geschichte läuft auf diesen Christus zu. In dieser kleinen Geschichte vom Land zeigt sich, wer er ist. Der Sohn Gottes. Gott in der Welt, Gott bei den Menschen. Der Herr über alles, was man heilig nennt. Ja, auch über diesen Ruhetag. Ein Feiertag, ein Tag der Freiheit von allen Mächten und Gewalten. Da geht es eben nicht darum, wer das Sagen hat, die Kirche Jesu Christi oder der Stadtmarketingverband, da geht es darum, dass Gott allein auf diesen Tag Anspruch erheben darf. Der Ruhetag, bei uns der Sonntag, ist kein Interessengegenstand von welchen Menschen auch immer, er ist ganz und gar ein Gegenstand unseres religiösen Bekenntnisses und deswegen darf er nicht angetastet werden. Er ist kein Tag der Menschen, er ist ein Tag Gottes, und das macht Jesus deutlich. Darüber können wir uns nur freuen und das können wir nur feiern mit allen unseren Sinnen und deshalb gehört da auch das Essen, vielleicht sogar das gute Essen, dazu.
Amen.  

Johann Pachelbel: Kanon in D-Dur
Orgel: KMD Ingrid Kasper

Die Kollekte am Sonntag, 18. Oktober, ist je zur Hälfte für die Evangelische Erwachsenenbildung und zur Hälfte für unsere eigene Gemeinde bestimmt. Wenn Sie etwas spenden möchten, nutzen Sie bitte das Konto der Kirchengemeinde St. Stephan (Sie finden es hier in der rechten Spalte) und geben Sie als Spendenzweck "Erwachsenenbildung" und/oder "Kirchengemeinde St. Stephan" an. Herzlichen Dank.