Wochenandacht

für die Woche vom 4. bis zum 10. Dezember


Predigt am Sonntag, 4. Dezember, über Hoheslied 2, 8-13,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider


Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel. Mein Freund gleicht einer Gazelle oder einem jungen Hirsch. Siehe, er steht hinter unsrer Wand und sieht durchs Fenster und blickt durchs Gitter. Mein Freund antwortet und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her! Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. Die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Der Feigenbaum lässt Früchte reifen, und die Weinstöcke blühen und duften. Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande. Schöne, komm her!

Liebe Gemeinde,

das ist nun mal etwas anderes. Das Hohe Lied der Liebe heißt dieses kleine Buch im Alten Testament. Man kann vermuten, dass es im Kanon der alttestamentlichen Schriften steht, weil man meinte, der König Salomo könnte es verfasst haben. Das mag stimmen oder nicht. Aber so oder so ist es ein Buch voller Liebesgedichte und keine religiöse Schrift. Und trotzdem steht es im Alten Testament und trotzdem haben wir heute einen Predigttext daraus.

Ein Predigttext ist aus dem Abschnitt geworden, den wir gerade gehört haben. Er ist es geworden, weil man diesen Text symbolisch interpretiert hat. Da kommt der Freund, auf den man lange gewartet hat, und er sagt: Die Zeit ist da, die Zeichen des Frühlings sind da, jetzt ist die Zeit, wo wir zwei Liebenden zusammen sein wollen. Naja, hat man da irgendwann im Lauf der Kirchengeschichte gesagt, das ist ja wie im Advent, da kommt auch bald der, auf den wir warten, er kommt und holt uns ab sozusagen, und die Zeichen der Zeit verraten es ja, dass er jetzt gleich kommen wird.

Und damit habe ich auch schon alles erklärt. Was machen wir denn jetzt?

Mich selber bringt das nicht so sehr über den Advent ins Nachdenken, sondern über das Thema, von dem in diesem Text die Rede ist und über das wir eher selten reden in der Kirche. Vielleicht ist das jetzt einmal eine Gelegenheit dafür. Wie ist das eigentlich mit der Liebe, der Freude daran, den großen Gefühlen, dem Zusammensein der Liebenden …? Es ist ja tatsächlich so, dass die Kirche sich irgendwie schwertut damit, dass es das alles gibt und dass es auch so wichtig ist. Wenn sie die Kirche nicht irgendwie schwertäte, hätte sie diesen Text ja gar nicht symbolisch interpretieren müssen. Und er ist ja erst einmal gar nicht symbolisch gemeint, sondern im Hohenlied reden zwei Liebende miteinander und sagen sich, wie schön sie einander finden, wie sie sich lieben und begehren, mit was sie diese Gefühle alles vergleichen und so weiter.

Und daher ist das kein religiöser Text, sondern ein weltlicher Text. Weil die Liebe, die Sexualität, das Heiraten und so weiter eben auch erst einmal keine religiösen Angelegenheiten sind, sondern weltliche Dinge. So ist es im Alten Testament. So ist es auch im Neuen Testament. Und so ist es auch für Martin Luther. In den 1500 Jahren zwischen der Bibel und der Reformation ist alles Mögliche dazwischengekommen, was man zwar nachvollziehen kann, was dann aber auf eine Weise dogmatisiert worden ist, die übertrieben war. Es gibt weder einen zwingenden Grund dafür, die Ehe zu einem Sakrament zu erklären, noch gibt es einen Grund dafür, die Priester in ihrer Ehelosigkeit zu einem Sakrament zu erklären. Man weiß ja gar nicht richtig, was das eigentlich heißen soll: Die Ehe ist ein Sakrament. Aber was immer es heißen soll, es macht die Ehe zu einer religiösen Angelegenheit. Als ob sie damit zu tun hätte, ob und wie man in den Himmel kommt oder nicht. Nein, sagt Martin Luther, und er hat die Bibel auf seiner Seite: Heiraten oder nicht, sich lieben oder nicht, das sind weltliche Angelegenheiten. Die kann man so oder so machen, da kann man das oder jenes haben, aber das entscheidet eben nicht über unser Verhältnis zu Gott. Schon Paulus hat das gesagt: Für die einen ist eben das eine Richtige, für die anderen etwas anderes – und jede und jeder soll halt schauen, wie er in seinen eigenen Verhältnissen dann ein Leben als Christ führt oder nicht.

Auch in den 500 Jahren seit der Reformation ist wieder viel dazwischengekommen. Im 19. Jahrhundert gewinnt die Idee die Oberhand, dass die romantische Liebe das einzig Wahre ist. Im 19. Jahrhundert wird die bürgerliche Ehe und Familie zum Leitbild dafür, wie man sein Leben richtig lebt. All das ist auch wieder nachvollziehbar, aber inzwischen ist man auch da wieder an anderen Punkten angekommen, auch in der lutherischen Kirche. Zum Beispiel: Wenn es ein weltliches Ding ist zu heiraten, dann ist es doch nur konsequent, wenn man sagt: Es ist genauso ein weltliches Ding, eine Ehe aufzulösen, wenn sie einfach nicht mehr funktioniert. Ein persönliches Drama ist das immer, das ist schon klar. Aber niemand ist perfekt und keine Lebensform ist von alleine so perfekt, dass sie immer und für alle Zeit und für jeden Menschen genau so sein und bleiben muss. Was war das früher für ein Theater, wenn sich jemand hat scheiden lassen. Und wenn das auch noch ein Pfarrer war. Nun will ich nicht sagen: Es ist doch alles egal. Auch bei weltlichen Dingen gibt es Sachen, die man richtig oder falsch machen kann, oder besser oder schlechter. Und auch dass ein Pfarrer eigentlich ein Vorbild sein sollte, das verstehe ich gut. Aber worin er ein Vorbild sein soll, das kann sich auch wandeln. Irgendwann war einmal Frau Käßmann die Ratsvorsitzende der EKD und dann hat sie sich scheiden lassen und sie ist offensiv damit umgegangen und hat in der Öffentlichkeit gesagt, dass ihr das echt leid tut, aber dass es einfach nicht mehr ging. Und das hat man ihr irgendwie hoch angerechnet. Ein Vorbild war sie da zum Beispiel in Offenheit und Ehrlichkeit. 50 Jahre früher hätte man das noch anders gesehen.

So ist das aber … mit den weltlichen Dingen: Die können sich auch wandeln. Vielleicht kaum jemals komplett, aber teilweise schon, über die Zeit. Die Welt ändert sich. Das ist anders bei den religiösen Dingen, bei den geistlichen oder wie immer man sie nennen will. Die wandeln sich nicht. Und was sind diese Dinge? Das ist die Liebe Gottes, die er uns in Jesus Christus gezeigt hat. Das ist, dass Jesus für uns und unsere Sünden gekommen ist und bis ans Kreuz gegangen ist. Dass er in der Ewigkeit auf uns wartet und alle unsere Tränen abwischen wird. Das sind Dinge, die sind jeden Tag wieder neu und sie wandeln sich nicht. Das sind Dinge, die mit unserer Erlösung zu tun haben. Das sind die Dinge, auf die es in unserem Leben am meisten ankommt, und gleichzeitig sind es Dinge, die wir von uns aus auch gar nicht verändern können, weil sie von Gott kommen und er sie uns schenkt, ohne dass wir sie zuerst verdienen müssten.

Und daher gibt es keinen zwingenden Grund, dass wir Menschen nun anfangen, all die weltlichen Dinge, mit denen wir die Liebe Gottes doch gar nicht erwerben können und auch nicht müssen – dass wir Menschen nun anfangen, all die weltlichen Dinge mit Religion aufzuladen, als ob das Christsein, als ob das Verhältnis zu Gott davon abhinge, dass man nur ja auch alles richtig macht und als ob es da immer nur eine Möglichkeit gäbe, wie man sich richtig verhält. So ist auch eine kirchliche Hochzeit nicht gemeint. In der Kirche zu heiraten, das ist wie um den Beistand und den Segen Gottes für den gemeinsamen Weg zu bitten, den man dann vor sich hat. Nicht verheiratet zu sein ist dem gegenüber nicht besser oder schlechter und den Beistand und Segen Gottes braucht man da auch; es gibt nur keinen Anlass bzw. keine solche Feier wie bei einer Hochzeit, die man auch noch mit einem Gottesdienst verbinden kann.

Die Liebe gehört zu diesen Dingen, die weltliche sind, aber auch das Berufsleben, die Wirtschaft, die Politik und so weiter. Ja, jede und jeder soll schauen, wie er oder sie als Christ da sein Leben führen kann. Und für die einen heißt es dann dies, für die anderen das. Besser und schlechter gibt es hier auch immer, und manchmal sogar ziemlich eindeutig richtig oder falsch. Aber ich halte es nicht für gut, wenn Leute meinen, in weltlichen Dingen kann es für Christen immer nur eine ganz bestimmte Meinung geben. Das sehe ich weder in der Bibel noch bei Martin Luther. Ich sehe es bei manchen meiner Mitchristen, bis in die oberen Ebenen der Kirche. Sie sollten es alle besser wissen. Denn das Evangelium führt uns zuallererst in die Freiheit. Und die geht nicht wieder weg, sondern sie bleibt auch weiterhin bestehen.

Amen