Wochenandacht

für die Woche vom 19. bis zum 25. September


Nun beut die Flur
von Joseph Haydn; Sopran: Laura Barthel, Clavinova: KMD Ingrid Kasper


Predigt am Sonntag, 19. September, über Klagelieder 3, 22-26+31f
von Pfarrer Walter Neunhoeffer

Liebe Gemeinde,
zwei intensive Tage liegen hinter uns, unseren neuen 56 Konfirmandinnen und Konfirmanden, den Teamerinnen und Teamer, von denen viele jetzt nach ihrer Konfirmation im Sommer neu angefangen haben und auch hinter uns Hauptamtliche aus Gemeinde und Evangelischer Jugend, die wir die Jugendlichen begleiten durften.
Durch den Freitagabend und den Samstagnachmittag erfuhren wir, dass wir uns jetzt auf einen gemeinsamen Weg machen, auf dem wir hoffentlich möglichst befreit Erfahrungen der Gemeinschaft machen können, aber auch neue und tiefe Erfahrungen des Glaubens.
In einer ersten Gesprächsrunde riefen wir uns in Erinnerung, dass wir alle ja schon längst Erfahrungen mit dem Glauben gemacht haben und dass wir wohl auch viele Fragen und Anfragen haben.
Gestern dann in einem großangelegten Spiel im Hain, begegneten wir spielerisch, verschiedenen Personen der Bibel und schließlich stellten wir am Abend in einem gemeinsamen Jugendgottesdienst in der Erlöserkirche die Frage: Glaube – was bringt’s?!
Sarah, die Frau Abrahams, der Prophet Jona und Petrus wurden von einem Reporter über ihre Glaubenserfahrungen befragt – wunderbar gespielt von vier Teamerinnen aus unserer Kirchengemeinde. So interessant diese Personen und ihre Geschichte mit Gott sind, fragten wir uns doch: Sind sie, die tausende Jahre vor uns gelebt haben, für uns nicht viel zu weit weg?
Deshalb haben wir über einen Film die Real Life Guys kennengelernt, die die pure Lebensfreude ausstrahlen konnten und verrückte Aktionen machten und filmten. Doch das Leben der Jugendlichen bleibt nicht unbeschwert, Elli Mickelbecker kommt bei einem Flugzeugunfall ums Leben. Ihr Bruder Philipp erkrankt an Krebs. Er erzählt, als er 2018 tief verzweifelt war, zu Gott betete: Wenn es dich wirklich gibt, dann muss ich dich jetzt irgendwie spüren.
Sein Schicksal und das seiner Familie und Freunde bewegte uns sehr und es wurde sehr deutlich, dass wir in unserem Leben immer wieder an Grenzen geführt werden. Das wissen auch die Autoren der Klagelieder im Alten Testament. Vielleicht fragten sie auch: Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann müssen wir dich jetzt irgendwie spüren.
In ihnen wuchs eine Antwort. Wir hören aus dem 3. Kapitel der Klagelieder:
Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Tage neu, und deine Treue ist groß.
Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt und dem Menschen, der nach ihm fragt.
Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen.
Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte. Denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschen. (Klagelieder 3, 22-26+31-32)

 

Hier formulieren Menschen, was ihnen geholfen hat in ihrem Leben und Glauben, als sie an eine Grenze geführt wurden, ohne dass diese Grenzerfahrung ungeschehen gemacht wurde.
Die erste Erkenntnis, die ihnen geholfen hat: Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Tage neu, und deine Treue ist groß. Offensichtlich hilft es, wenn wir uns in Grenzerfahrungen nicht überfordern. Es geht dann immer nur um den nächsten Schritt, um den nächsten Tag, um die nächste Herausforderung. In der Konzentration auf das, was jetzt notwendig ist, werden wir erfahren, dass wir nicht „gar aus sind“, sondern dass es ihn eben auch gibt: den nächsten Schritt, den nächsten Tag und die Kraft für die nächste Herausforderung.
Die zweite Erkenntnis, die ihnen geholfen hat: Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt und dem Menschen, der nach ihm fragt. Irgendwo spürten sie, dass Gott Anteil nimmt an ihrem Leben und ihrem Schicksal und an ihren Grenzen. Philipp Mickelbecker erzählt, dass er, nachdem er Gott so herausgefordert hatte: „Wenn es dich wirklich gibt, dann muss ich dich irgendwie spüren“, dass sich ein tiefer Frieden in ihm ausbreitete, dass er die Gewissheit hatte, nicht allein gelassen zu werden. Wenn er die Bibelstelle gekannt hätte, hätte er vielleicht auch gesagt: „Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele.“ Weil er nicht aufgehört hat nach Gott zu fragen und auf ihn zu hoffen, wächst in ihm die Gewissheit, die für uns alle gilt: „Der Herr ist freundlich!“
Die dritte Erkenntnis muss man sich wohl erkämpfen: Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen. Geduld ist nicht jedermanns Sache. Und es gibt auch Situationen, in denen geduldiges Warten nicht angebracht ist, wenn Menschen gefährdet sind, wenn unsere Welt gefährdet ist. Geduld ist aber angebracht mit anderen Menschen und mit sich selbst. Wenn für mich etwas längst klar ist, muss das noch nicht heißen, dass das für den anderen klar ist und vielleicht sind gerade seine oder ihre Bedenken hilfreich. Zu schnell zu wissen, wie alles richtig ist, ist manchmal ganz schön falsch, weil es dann in der Gefahr ist, Kleines und Unscheinbares zu übersehen. Nochmal hinschauen, nochmal fragen, tut gut, ist, so die Erfahrung der Autoren der Klagelieder, sogar ein köstlich Ding.
Trotzdem bleiben Grenzerfahrungen Grenzerfahrungen, bleiben Enttäuschung, Schmerz und Trauer. Das weiß auch unser Predigttext und formuliert am Ende ein Festhalten: Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte. Denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschen. Auch wenn ich gerade Gott nicht verstehen kann, auch wenn ich seine Nähe nicht spüren darf, auch wenn mir gerade alles zu viel wird, auch wenn ich gerade keinen Weg zu ihm finde, halte ich doch daran fest, dass er einen Weg zu mir findet und dass er größer ist als die Not, die mich gerade betrifft.
In seiner letzten Botschaft vor seinem Tod sagt Philipp Mickelbecker, dass er sich in Gottes Hand weiß und seinen Frieden gefunden hat.
Denn der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Orgelnachspiel
Orgel: KMD Ingrid Kasper


Die Kollekte am Sonntag, 19. September, ist je zur Hälfte für die Evangelische Studierendenseelsorge und für unsere eigene Gemeinde bestimmt. Wenn Sie etwas spenden möchten, können Sie Ihre Spende auf das Konto der Kirchengemeinde überweisen (Sie finden es, wenn Sie hier klicken, in der rechten Spalte). Geben Sie als Spendenzweck bitte "Studierendenseelsorge" an oder "Kirchengemeinde" oder beides.