Wochenandacht

für die Woche vom 22. bis zum 28. Mai


Vater unser im Himmel
Evangelisches Gesangbuch Nr. 344; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper

 

Predigt am Sonntag, 22. Mai, über Lukas 11, 5-13,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider


Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.
Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Liebe Gemeinde,

bittet, so wird euch gegeben. Ein bekannter Satz von Jesus. Jesus sagt: Habt Vertrauen zu Gott. Wie Kinder zu ihren Eltern Vertrauen haben, so können wir zu Gott kommen und ihn bitten – und er weiß, was er uns geben wird: das, was für uns richtig ist.

Ich glaube, wir können grundsätzlich immer und mit allem zu Gott kommen und er wird uns auch grundsätzlich und auf jede Bitte eine Antwort geben. Daran brauchen wir nicht zweifeln. Nur wird es eben nicht immer die Antwort sein, die wir uns selber vorgestellt haben. Denn es kann ja auch sein, dass unsere Vorstellungen nicht die richtigen sind. Aber das ist nur der Anfang einer möglichen Antwort.

Vor einigen Jahrzehnten habe ich einmal in einem Buch eines Amerikaners den Satz gelesen: Die Christen von heute beten nicht mehr um den Frieden, sondern darum, dass sie einen Parkplatz finden. Den Satz habe ich bis heute nicht vergessen. Denn er bringt zum Ausdruck, oder er stellt zumindest die Frage: Kann es sein, dass uns die Maßstäbe ein Stück weit verrutscht sind? Dass uns die Maßstäbe ein Stück weit verrutscht sind gegenüber dem, was für uns eigentlich wichtig ist? Oder anders gefragt: Wenn Jesus sagt: Bittet, so wird euch gegeben – an was für Bitten denkt er da eigentlich? Nun, Lukas sagt es selber: Am Schluss heißt es: So, wie ein Vater seinen Kindern gibt, so wird Gott denen den Heiligen Geist geben, die ihn darum bitten. Wann haben wir zum letzten Mal um den Heiligen Geist gebetet?

Mir persönlich geht es so: Je länger ich lebe, desto weniger ist mir klar, wie wir Menschen eigentlich überhaupt leben sollen. Das Ganze verstärkt sich noch dadurch, dass wir unseren Lebensstil überhaupt ändern müssen, wenn wir die Welt noch länger behalten wollen. Wenn aber schon etwas Grundsätzliches an der Richtung unseres Lebens nicht stimmt, was wird Gott uns geben, wenn wir unbedacht in die falsche Richtung beten? Denn was brauchen wir dann tatsächlich, was ist uns tatsächlich nötig?

Als ich vor 11 Jahren nach Bamberg kam, hatte ich vorher für 10 Jahre in Tansania gelebt und gearbeitet. Damals haben viele Leute gesagt: Da müssen ihnen ja viele Dinge, die uns hier beschäftigen, ziemlich seltsam vorkommen. Das stimmt; zum Teil ist es immer noch so.

In einem so armen Land zu leben, ist nicht romantisch. Es hat viele Nachteile, vermeintliche und tatsächliche. Aber wenn ich mich frage, warum es meiner Frau und mir dort so gut gefallen hat, dass wir gleich 10 Jahre, und gerne, geblieben sind, dann muss ich wohl sagen: Es lag an den Menschen. Die Menschen dort leben in vollkommen anderen Verhältnissen als wir, haben eine vollkommen andere Vergangenheit und andere Wege zu denken als wir, sind zum Teil – zum Teil – über ganz andere Dinge glücklich oder unglücklich als wir. Aber seit ich dort war, werde ich das Gefühl nicht mehr los, dass das Leben dort etwas Positives im zwischenmenschlichen Bereich hatte, dass es dort etwas Schönes im Bereich des menschlichen Zusammenlebens gab, was es hier in Europa so nicht gibt. Und darum war es gut, dort zu leben.

In den letzten Monaten habe ich ein Buch gelesen, über das auch einiges in den Zeitungen stand: Anfänge (The Dawn of Everything) von den Anthropologen David Graeber und David Wengrow. Ich habe dort zum ersten Mal Beschreibungen von etwas gefunden, von dem ich bisher noch nie gehört hatte: Dass außereuropäische Zivilisationen wie zB die nordamerikanischen Indianer die europäischen Siedler mit ihrem Umgang und ihrem Verständnis von Leben und Freiheit so beeindruckt haben, dass sie damit in Europa zu einer wesentlichen Inspiration für das Zeitalter der Aufklärung geworden sind – dass sie zu Vorbildern geworden sind für die Ideen von Freiheit und Gleichheit, die es damals in Europa überhaupt nicht gab und die dann aber doch Europa weiter geformt haben, weil die Denker der Aufklärung sie aufgenommen haben. Ich fand das unter anderem deswegen interessant, weil es mich zumindest irgendwie auch an meine Gefühle für Afrika erinnert hat. Die Europäer, die Weißen hatten immer alles: Reichtum, Waffen, Technik, Überlegenheit in vieler Hinsicht. Aber die Menschen anderswo hatten bei aller Armut und bei aller vermeintlichen Einfachheit Formen des Lebens entwickelt, von denen die Europäer den Eindruck gewonnen haben: Da ist etwas, was uns fehlt oder was wir vielleicht verlernt haben.

Und so könnte es sein, dass das, was uns nottut, dass das, was wir tatsächlich als erstes brauchen, Dinge sind, die unser Zusammenleben betreffen; Dinge, die unseren zwischenmenschlichen Bereich beeinflussen. Sind das nicht auch Dinge, von denen Jesus geredet hat und die er für wichtig hielt: dass wir uns lieben, dass wir uns achten, dass wir uns unterstützen und vieles andere mehr?

Und Lukas sagt noch mehr. Es steht in den Versen unmittelbar vor dem Predigttext: Die Jünger sagen: Lehre uns Beten. Und Jesus lehrt sie das Vaterunser. Da stehen die Bitten, auf die es wirklich ankommt. Da stehen die Bitten, die für Menschen überall auf der Welt die wirklich wichtigen sind. Da stehen die Bitten, mit denen wir zuallererst mit Gott in Übereinstimmung kommen. Noch einmal: Alles andere hat bei Gott auch seinen Platz. Aber als Rahmen für alles andere ist das Vaterunser gar nicht so verkehrt: Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe. Das sprechen wir nachher auch wieder. Machen wir uns doch wieder einmal bewusst, was das heißen kann: Dass Gott unser Vater ist und wir seine Kinder, dass wir zu ihm gehören und ihm ganz einfach vertrauen können. Dass er weiß, was gut für uns ist. Unser tägliches Brot gib uns heute. Das hat uns lange nicht mehr interessiert, das Brot war doch sowieso immer da. Dieses Jahr ist das auf einmal nicht mehr so selbstverständlich. Vergib uns unsere Schuld. Und wir vergeben auch anderen. Ist das das Erste und Wichtigste unter uns Menschen? Wer weiß? Es hat mit Liebe zu tun. Es hat damit zu tun, dass wir miteinander auskommen. Es will dahin führen, dass Hass und Streit überwunden werden können. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Lass uns so wenig wie möglich Böses tun. Und dann wird Gott noch einmal gepriesen. Denn dein ist das Reich. Und die Kraft. Und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. So zu beten, das ist das beste Beten, das es gibt. So zu beten, das bringt uns hin zu Gott, von dem wir alle herkommen. Das bringt zum Ausdruck, dass wir als seine Kinder zu ihm gehören. Und wenn das die Grundlage ist, dann mag vieles andere kommen oder auch nicht. Wir gehören zu ihm. In Ewigkeit.

Amen

Vater-Unser-Sonate
von Felix Mendelssohn Bartholdy; Orgel: KMD Ingrid Kasper