Wochenandacht

für die Woche vom 17. bis zum 23. Januar


In dir ist Freude
Evangelisches Gesangbuch Nr. 398; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper


Predigt am Sonntag, 17. Januar, über Johannes 2, 1-11
von Pfarrer Dr. Hans-Helmuth Schneider

Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maß. Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm. Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Liebe Gemeinde,
diese Geschichte kennen Sie vermutlich, die Hochzeit zu Kana. Jesus verwandelt Wasser in Wein. Und Johannes sagt dazu, dass das eine Offenbarung seiner Herrlichkeit war.
Es gibt ein paar Geschichten oder Stellen im Neuen Testament, an die kann man moralische Fragen stellen. Die Hochzeit zu Kana ist so ein Fall. Musste Jesus ausgerechnet Alkohol herbeischaffen? Weiß er denn nicht, was für ein Problem das ist? Da haben sich doch Leute betrunken, das steht da ja sogar ausdrücklich dabei?
Ja, so ist das. Und ist das nicht eine interessante Frage? Nach einer alten Tradition hat Jesus sein Leben zugebracht, ohne eine Sünde zu begehen. Statt dessen war er immer in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, seines Vaters. Das steht auch im Johannesevangelium. Aber zu viel zu trinken, das ist doch eine Sünde, oder etwa nicht? Oder dafür zu sorgen, dass andere das tun?
Wo liegt hier also der Fehler? Ich gehe davon aus, dass der Fehler nicht bei Jesus liegt.
Jeder von uns hätte gern den Jesus, der mit den eigenen Überzeugungen am meisten übereinstimmt. Ich auch. Ich bin zum Beispiel kein allzu spontaner Mensch. Ich überlege lieber dreimal und in alle Richtungen, bevor ich etwas sage oder tue. Vielleicht hat Jesus das hier nicht gemacht. Vielleicht war Jesus manchmal spontan. Macht er jetzt etwas falsch, bloß weil ich selber anders bin? Mache ich jetzt etwas falsch, bloß weiß ich anders bin als er?
Natürlich nicht. Menschen sind unterschiedlich und das ist in Ordnung so. Und auch Jesus war nicht genau so wie Sie oder ich. Aber hier geht es ja noch um mehr. Hier geht es um moralische Fragen. Man könnte also sagen: Jesus erfüllt also nicht die Ansprüche, die wir - oder manche jedenfalls - an ihn stellen.
Aber wenn Jesus sich trotzdem in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes befindet, was kann man dann dazu sagen? Dann folgt daraus, dass Religion - oder sagen wir genauer: Dann folgt daraus, dass das Christentum weniger mit moralischen Ansprüchen zu tun hat als wir vielleicht glauben. Oder dass Gott weniger mit moralischen Ansprüchen zu tun hat als wir vielleicht glauben. Wenn wir länger im Neuen Testament lesen, kommen wir immer wieder an Stellen, wo Jesus sich gerade mit denjenigen streiten muss, die die höchsten moralischen Ansprüche erheben. Das waren im Neuen Testament die Pharisäer: Aber wir haben ein Gesetz. Aber man muss doch. Aber wenn du das tust, kannst du mit Gott nichts zu tun haben. So ging das immer wieder. Und kein einziges Mal hat es gestimmt.


Vermutlich hätten die Pharisäer auch etwas gegen diese Verwandlung von Wasser in Wein gehabt. Jesus war dagegen offensichtlich der Auffassung: Heute ist ein Tag zum Feiern, und jetzt wird auch gefeiert. Und dann schafft er mehrere hundert Liter Wein, und den bestmöglichen noch dazu. Johannes sagt: Da offenbarte er seine Herrlichkeit. Es ist die Herrlichkeit Gottes selbst. Aber worin besteht diese Herrlichkeit dann? Sie besteht in der Liebe Gottes zu den Menschen. Anstatt die Menschen - anstatt uns mit moralischen Wünschen und Vorschriften zu überziehen, lässt er seine Sonne scheinen über die Guten und die Bösen, liebt er die Gerechten und die Ungerechten, vergibt er allen denen, die es brauchen, auch wenn sie noch so große Sünder sind.
Das sage ich hier als Vertreter einer Kirche, die sich in den letzten Jahren vor allem damit hervorgetan hat, moralische Ansprüche an den Einzelnen und an die Gesellschaft zu stellen. Die Geschichte von der Hochzeit zu Kana spricht nicht diese Sprache. Wenn man sich darauf festlegt, dass man eine wichtige moralische Institution in der Gesellschaft ist, dann stellt sich meiner Meinung nach die Frage: Was unterscheidet einen dann eigentlich von den Pharisäern, wenn man anderen gerne sagt, wie unmoralisch sie sind?
Man kann das anders sagen als die Pharisäer. Jesus hat das auch getan. Er hat kein moralisches System oder Gebäude vertreten und vor allem nicht die Vorstellung vertreten, dass man durch moralisches Verhalten selber gerecht wird. Paulus hat das auch so gesehen: Wer meint, sich seine eigene Gerechtigkeit vor Gott schaffen zu können, der täuscht sich. Und Martin Luther hat daraus geschlossen: So macht man aus guten Werken eine Sünde - wenn man sich selber auf die Seite der Gerechten stellt und über die anderen erhebt.
Statt dessen hat Jesus darauf geschaut, was die anderen brauchen. Er hat sich gefragt, wie er die meiste Liebe zeigen kann. Die Liebe Gottes ist größer als jede moralische Argumentation. Sie ist größer als alle Ansprüche, die Menschen stellen können, an sich oder an andere. Die Liebe Gottes ist eigentlich sogar eine Befreiung von allen Ansprüchen. Vielleicht ist das auch eine Lektion, die uns die Geschichte von der Hochzeit von Kana lehren kann.
Amen

Fantansie G-Dur
Johann Sebastian Bach; Orgel: KMD Ingrid Kasper


Die Kollekte am Sonntag, 17. Januar, ist je zur Hälfte für die Seelsorge in Seniorenzentren und zur Hälfte für unsere eigene Gemeinde bestimmt. Wenn Sie etwas spenden möchten, nutzen Sie bitte das Konto der Kirchengemeinde St. Stephan (Sie finden es hier in der rechten Spalte) und geben Sie als Spendenzweck "Altenheimseelsorge" und/oder "Kirchengemeinde St. Stephan" an. Herzlichen Dank.