Wochenandacht

für die Woche vom 11. bis zum 17. Juli


Ich bin getauft auf deinen Namen
Evangelisches Gesangbuch Nr. 200; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper


Predigt am Sonntag, 11. Juli, über Matthäus 28, 16-20,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider
 

Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Liebe Gemeinde,
in den vielen Debatten, die heute aus der Sicht des Antikolonialismus geführt werden, kommen die Missionare aus der Zeit um 1900 eher schlecht weg. Auch das Christentum wird hier mehr als Ideologie denn als Religion verstanden. Daran ist manches richtig und manches falsch. Es gab solche und solche Missionare, es gab ein solches und ein solches Verständnis des Christentums damals, und es gab Tendenzen, denen sich die Mehrheit nicht entziehen konnte. Aber oft genug kam es doch immer wieder auch auf den einzelnen Menschen an. Ich erlaube mir, das so zu sagen, weil ich in den 10 Jahren meines Lebens, die ich in Tansania gelebt und gelehrt habe, ein ganzes Spektrum an historischen Möglichkeiten kennengelernt habe. Von Missionaren, die ohne zu zögern als die überlegenen Vertreter der Kolonialmacht aufgetreten sind, bis hin zu solchen, die bei manchen Völkern in Tansania bis heute in hohem Andenken gehalten werden, zum Beispiel weil sie ihre Sitten und Gebräuche ernst genommen haben, studiert haben und aufgezeichnet haben.
In alle Debatten und Streitereien unserer Zeit finde ich es interessant, was Jesus laut dem Neuen Testament eigentlich gesagt hat. Ein wichtiger Text steht hier bei Matthäus, ein anderer bei Lukas. Bei Matthäus sagt Jesus zum Abschied: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker. Was er nicht sagt, ist: Die anderen sind arme Heiden, die alle in die Hölle kommen. Darum gehet hin und lehret sie. Oder er sagt auch nicht: Die anderen sind die Primitiven, denen ihr Kultur und Zivilisation beibringen sollt. Darum gehet hin und lehret sie. Das waren nun in der Tat Gedanken aus der Zeit um 1900, so hat man sich damals ausgedrückt. Das ist dann Mission aus einem Gestus der Überlegenheit heraus: Weil ihr höher steht als die anderen, darum gehet hin. Bei Jesus stehen aber nicht die Jünger höher als die anderen. Bei Jesus sollen sie hingehen, weil sie etwas davon verstanden haben, dass Jesus alle Gewalt im Himmel und auf Erden hat.
Auch Lukas hat eine Abschiedsszene gestaltet. Hier sagt Jesus: Ihr werdet meine Zeugen sein. So einfach ist das. Er sagt nicht: Bekehrt die Leute zu euren Meinungen. Oder bringt sie weg von dem, was sie bisher gedacht und getan haben. Sondern: Ihr werdet meine Zeugen sein. Das ist es schon. Daraus ergibt sich etwas. Vielleicht sogar alles Weitere. Und dafür muss man nicht einmal eine Missionsreise unternehmen. Das kann überall geschehen, wo man gerade ist. Meine Zeugen, sagt Jesus, auch hier geht es um ihn. Um den, der alle Gewalt im Himmel und auf Erden hat.
Aber ist das nicht sogar noch schlimmer, könnte man fragen. Ist das nicht intolerant? Dieser Jesus und sonst gar nichts? Nun, so steht das nicht da. Jesus hat nicht alle Gewalt, weil er alles außer ihm vernichtet. Das ist weltlich gedacht. Attila, der Hunne, Dschingis Khan und all die anderen haben so gehandelt. Außer ihnen gab es nichts. Aber wieso hat statt ihrer - Jesus alle Gewalt und alles andere bleibt bestehen, der Himmel und die Erde; wieso ist das der Grund, warum wir hingehen sollen, warum wir seine Zeugen sein werden?

Jesus hat alle Gewalt im Himmel und auf Erden, weil er als einziger den Tod besiegt hat. Wenn es einen Feind gibt, mit dem Jesus tatsächlich gerungen hat, dann ist das der Tod. Und er hat ihn auf sich genommen, indem er gestorben ist. Danach hat Gott ihn auferweckt. Und seitdem gilt für jeden Menschen in jeder Kultur und in jeder Zeit und auf jedem Kontinent: Wenn uns jemand wirklich frei machen kann von dem, der auf dieser Welt der größte Feind eines jeden Menschen ist, von dem, der wirklich Gewalt über alles und jeden hätte, wäre  Jesus nicht gekommen, dann ist das dieser Jesus Christus.
Das ist eine andere Gewalt als die, die wir Menschen so gut kennen. Vielleicht ist „Gewalt“ von vornherein ein unglückliches Wort hier; es ist hier geradezu bildhafte Rede. Sie meint: Jesus hat Himmel und Erde zusammengebracht und keiner kann das mehr rückgängig machen. In Jesus hat Gott die Welt geliebt bis zur Selbstaufgabe und diese Liebe ist stärker als alles andere, weil sie immer das letzte Wort behalten wird, ob in dieser oder in der anderen Welt. In Jesus hat Gott jeden Menschen angenommen und niemand auf dieser Welt kann das noch einmal in Frage stellen.
Und wegen so etwas soll man hingehen. Wegen so etwas werden wir seine Zeugen sein. Weil es einfach keine bessere Botschaft gibt. Weil das die Gute Nachricht aller guten Nachrichten ist. In Liebe und als Dienst kommt diese Botschaft daher und nicht mit Überlegenheit und Zerstörung.
Auch das habe ich in Afrika deutlicher sehen gelernt als zuvor: Die Missionare, die dort vor 100 Jahren gekommen waren, hatten diese Botschaft mit ihrer Kultur vermischt. Das kann man kritisieren, aber es geht unter Menschen anscheinend kaum anders. Was dann passiert ist und bis heute passiert, ist, dass die Afrikaner diese Botschaft mit ihrer Kultur vermischt haben. Da klingt dann für uns manches fremd. Aber auch das geht unter Menschen kaum anders. So lange es nicht zu einer Ideologie und Rechthaberei verkommt, ist das erst einmal menschlich, allzu menschlich. Oft genug setzt sich auch innerhalb einer Kultur dann die Botschaft durch, um die es eigentlich geht. Aber manchmal können sogar noch Ideologie und Rechthaberei weiterhelfen - manchmal, sage ich -, denn die Liebe Gottes deckt viele Sünden zu, dort, wo sie erscheint.
Es gibt einen Gedanken von Dietrich Bonhoeffer, den ich noch aus dem Gedächtnis zitieren möchte. Er sagt sinngemäß: Ich glaube, dass Gott sich genauso leicht damit tut, aus meinen Fehlern noch etwas zu machen wie aus meinen vermeintlichen guten Taten. Das muss man sich einmal vorstellen. Meine Fehler bemerke ich manchmal und manchmal nicht. Meine guten Taten sind manchmal wirklich gut und manchmal sehe ich gar nicht, was ich mit ihnen in Wirklichkeit anrichte. Für Beides braucht es den, der alle Gewalt hat im Himmel und auf Erden, damit aus ihnen etwas Gutes werde, etwas, was ihm dient. Denn er schenkt nicht nur das Wollen, sondern auch das Vollbringen, und wir, die wir so reden, wie wir es verstehen, auf den Hintergrund, den wir mitbringen, sind ihm dabei manchmal auch eine Hilfe.
Amen

Improvisation
Orgelnachspiel von KMD Ingrid Kasper


Die Kollekte am Sonntag, 11. Juli, ist je zur Hälfte für die Evangelische Studierendengemeinde und für die Kirchengemeinde St. Stephan bestimmt. Wenn Sie etwas spenden möchten, nutzen Sie bitte das Konto der Kirchengemeinde St. Stephan (Sie finden es hier in der rechten Spalte) und geben Sie als Spendenzweck "Studierendengemeinde" und/oder "Kirchengemeinde St. Stephan" an.
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Herzlichen Dank.