Wochenandacht

für die Woche vom 14. bis zum 20. August


Ich habe nun den Grund gefunden
Evangelisches Gesangbuch Nr. ; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper


Predigt am Sonntag, 14. August, über Matthäus 25, 14-30,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider


Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und ging außer Landes. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe fünf Zentner dazugewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe zwei dazugewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Liebe Gemeinde,

es gibt im Matthäusevangelium ein paar wenige Gleichnisse, die enden mit einem unangenehmen Ton, weil da jemand bestraft wird. Das ist auch beim heutigen Predigttext so. Dazu muss man vielleicht als erstes etwas sagen, denn dieser Ton soll das Gleichnis eigentlich nicht überschatten. Matthäus benutzt die Drastik dieses Bildes, weil er damit zeigen will: So ein Verhalten ist eigentlich nicht vorstellbar. So ein Verhalten gibt es gar nicht. Ja, wenn es das gäbe, dann wäre es so offensichtlich falsch, dass man das eben auch deutlich sagen muss. Insofern sollte sich niemand unangenehm berührt fühlen oder gar bedroht vorkommen: Denn es ist nicht vorstellbar, dass jemand von uns so handelt oder so ist wie dieser dritte Knecht, der da am Ende bestraft wird.

Aber worum geht es nun eigentlich? Deutlich wird das, wenn man das Gleichnis als Ganzes liest. Da verreist ein reicher Mann und gibt seinen Knechten jeweils einen ganz unterschiedlichen Teil von Vermögen – je nach Tüchtigkeit, heißt es, das bedeutet: Er kennt sie schon und hat eine Vorstellung davon, was er von ihnen erwarten kann. Und so geschieht es. Die zwei, die mehr haben, und auch das ist sehr unterschiedlich viel, was sie bekommen haben – die zwei, die mehr haben, wirtschaften damit und machen noch mehr daraus. Der dritte, der am wenigsten hat, vergräbt es.

Als der reiche Mann wiederkommt, geben alle drei zurück, was sie bekommen haben, und die ersten beiden noch das zusätzlich Erwirtschaftete dazu. Sie werden gelobt und ihnen wird nun noch mehr anvertraut, weil sie sich bewährt haben. Der Dritte wird bestraft und ihm wird nichts weiter anvertraut. So könnte es auf der Welt durchaus zugehen. So würde es normalerweise sogar als richtig angesehen. Wer etwas kann, der sollte weitere Gelegenheiten bekommen, sich damit nützlich zu machen. Wer etwas nicht kann, der sollte auch nicht noch weiter nach oben befördert werden. Aber was will Jesus nun sagen?

Hier kommt es jetzt auf die Details an. Zunächst einmal ist ein Gleichnis keine wörtlich zu nehmende Geschichte, sondern sie will übertragen werden. Und das erste, was wir lesen, ist, dass unterschiedlichen Menschen unterschiedliche viele Möglichkeiten anvertraut werden, je nach ihren Fähigkeiten und nach ihrer Tüchtigkeit. Das ist schon einmal wichtig: Jeder Mensch ist anders, und der Herr weiß das auch. Überfordern will er niemanden. Im Gegenteil kennt er jeden einzelnen. Und so ist es auch heute und bei uns. Und er weiß, wie er die Möglichkeiten verteilt, die wir nutzen können, um etwas Gutes und Sinnvolles zu tun. Das ist nicht einfach nur Geld, das ist – ja, eigentlich alles: die zwischenmenschlichen Beziehungen, die berufliche oder die häusliche Arbeit, das Leben in der Familie, die Freundschaften und so weiter. Vom Größten bis zum Kleinsten hat jede und jeder seine eigenen Talente und seine eigenen Möglichkeiten. Das geht schon bei einem Lächeln oder einem freundlichen Wort los. Nichts ist zu gering als dass man es hier nicht einbeziehen könnte. Und wer seine Fähigkeiten einsetzt, um seine Möglichkeiten zu nutzen, und wie gesagt, es kann dabei um individuell höchst unterschiedliche Dinge gehen, der wird auch etwas bewirken. Man wird nicht immer nur Erfolg haben. Aber so funktioniert ja letztlich sogar einfach unser normales Zusammenleben, unsere Wirtschaft, unsere Gesellschaft: dass jede und jeder etwas tut und damit etwas dazu beiträgt, dass die Welt, sagen wir einmal, zumindest nicht so schlimm wird, wie sie theoretisch auch werden könnte.

So hat das auch Martin Luther gesehen, und es war einer seiner damals wirklich revolutionären Gedanken: Jedes Leben und jeder Beruf sind auch eine Art Gottesdienst, nicht nur das, was zum Beispiel die Kirchenleute tun, sondern die Arbeit einer Milchmagd ist genauso viel wert bei Gott. Denn dass es Milch gibt, ist wichtig für die Ordnung der Gesellschaft, für die Erhaltung des Lebens und vieles andere mehr. Niemand sollte von sich zu klein denken. Niemand sollte sich immer nur mit den vermeintlich Größeren und Wichtigeren vergleichen und zu dem Schluss kommen: Auf mich kommt es doch gar nicht an. Doch, das tut es. Noch die eingeschränktesten Möglichkeiten sind für Gott und für die Welt wertvoll. Und wer überhaupt keine Möglichkeiten hat – da mag Gott wissen, warum er ihm nichts zugeteilt hat, das ist jedenfalls kein Grund für eine Strafe. Und es wäre auch in unserer Geschichte kein Grund für eine Strafe.

Denn wenn man noch einmal schaut, was der dritte Knecht eigentlich falsch gemacht hat, dann sieht man zuerst: Der Herr hat ihm ja etwas zugeteilt. Es war weniger als bei den anderen, aber er hat schlichtweg überhaupt nichts damit getan. Der Herr sagt ihm: Wenigstens auf die Bank hättest du es doch bringen können, dann hätte es ein paar Zinsen gebracht. Dazu gehört nun überhaupt kein Talent; dafür hätte der Knecht keinerlei besondere Fähigkeiten gebraucht. Was sagt er stattdessen? Ich wusste, dass du ein harter Mann bist. Ich habe mich einfach nur gefürchtet.

Das ist nun auch ein Fehler. Er hat ein falsches Bild von seinem Herrn. Das sieht man an der Reaktion auf die anderen beiden. Wofür werden die eigentlich gelobt? Sie werden nicht dafür gelobt, wie viel sie erwirtschaftet haben. Der Herr dürfte sich gefreut haben, das schon – aber was er sagt, ist: Du guter und treuer Knecht. Dir kann man mehr anvertrauen, das sieht man hier. Er lobt die Treue. Er lobt den Einsatz. Nicht die Menge, nicht das Geld. Es geht ihm um die Menschen und wie sie sinnvoll eingesetzt werden können, wie sie sinnvoll leben können, so dass möglichst viel Gutes für sie und für andere dabei herauskommt. Denn Jesus will nicht wörtlich auf die Maximierung von Geld hinaus, sondern nutzt das als Beispiel, um zu sagen: Ein Gewinn ist alles, was Menschen Nutzen bringt. Vom Kleinsten bis zum Größten. Und dass jemand aus seiner Situation und seinen Möglichkeiten einfach absolut gar nichts macht – das gibt es doch eigentlich gar nicht, das ist doch gar nicht vorstellbar. Von so einem Verhalten hat ja niemand etwas. Gerade dann nicht, wenn Gott doch eigentlich genug Möglichkeiten schafft, sich anders zu verhalten.

Ich denke, Jesus hat diese Geschichte nicht wegen dieses dritten Knechts erzählt, sondern wegen der ersten beiden. Der dritte bildet dazu den Kontrast: So ist das Leben nicht gemeint. Aber was er viel mehr sagen will als das: Gott nimmt mit Freude zur Kenntnis, was wir in unserem Leben tun. Und da ist von vornherein so vieles Sinnvolle dabei, denn so vieles, was wir tun, bringt ja auch anderen einen Nutzen, dass er eines Tages des Lobes voll sein wird.

Hier in dieser Geschichte geht es ausnahmsweise einmal nicht in erster Linie um die Vergebung unserer Sünden. Die gibt es auch. Die brauchen wir auch. Davon erzählen die meisten anderen Geschichten, und die sind natürlich genauso wahr.

Amen

Menuet gothique
Nachspiel; Orgel: KMD Ingrid Kasper