Wochenandacht

für die Woche vom 29. November bis zum 5. Dezember

Wie soll ich dich empfangen
Evangelisches Gesangbuch Nr. 11; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper

Predigt am 1. Advent, 29. November 2020, über Sacharja 9, 9-10 von Dekan Hans-Martin Lechner

Liebe Gemeinde,

Vieles ist heuer in der Adventszeit anders als sonst. Es gibt keine Advents- und Weihnachtsmärkte, kein fröhliches Beieinanderstehen mit der Glühweintasse in der Hand, keine Weihnachtsfeiern im gewohnten Stil und kaum Konzerte. Das schmerzt.

Stattdessen bestimmen Sorgen und Ängste die Tage. Bleiben meine Lieben, meine Freundinnen und Freunde und ich selbst gesund? Wird unser Gesundheitswesen der Belastung standhalten? Viele wirtschaftliche Existenzen sind im hohen Maße bedroht, Kunst- und Kulturschaffende haben kaum Auftrittsmöglichkeiten. Das schmerzt.

Mich bewegt auch die Tendenz hin zur Spaltung der Gesellschaft, die zunehmende Aggressivität, aber auch die Geschichtsvergessenheit und der Realitätsverlust mancher Bevölkerungsgruppen. Wenn etwa bei einer Anticoronademonstration ein elfjähriges Mädchen an der Hand der Mutter auf die Bühne geführt wird und dann traurig sagt: „Weil ich nur heimlich und leise meinen elften Geburtstag feiern durfte, um nicht erwischt zu werden, fühle ich mich wie Anne Frank.“ - - - bin ich nur noch sprachlos. - - -

Zugleich nehme ich wahr, dass die vielen Lichter in den Fenstern, die Girlanden in der Stadt, heuer ganz anders, irgendwie heller und berührender, klarer und intensiver leuchten als sonst. Ich spüre in mir und in vielen Menschen, die mir begegnen, die ganz große Sehnsucht nach Veränderung der Situation, nach neuen Perspektiven, die auch in einer so verletzlich gewordenen Welt tragen können. Groß ist die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Frieden.

In dieser von so vielen Gefühlen geprägten Zeit berühren mich gerade die alten Worte aus der Heiligen Schrift – etwa unser Predigttext aus Sacharja 9: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem und die Kriegsbogen sollen zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zu andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.“ – In turbulenten Zeiten erwartete das Volk Israel einen ganz neuen König, keinen kriegerischen, sondern einen gerechten und helfenden Friedensüberbringer.

In Vielem entspricht Jesus von Nazareth, der am Rande des Städtchens Bethlehem ärmlich geboren wird und später demütig auf einem Esel in Jerusalem einzieht, diesen Erwartungen. Er wandte sich mit Wort und Tat voller Wertschätzung und Liebe jedem einzelnen Menschen ohne Unterschied zu. Besonders den Ängstlichen und Kranken, den Mühseligen und Beladenen. Er legte den Finger in die Wunde, wo Ungerechtigkeit offensichtlich war. In seiner Nähe kam es immer wieder neu zu einer Gemeinschaft, in der sich unterschiedlichste Menschen in ihrer großen Vielfalt voller Respekt füreinander begegnen und sich an diesem großen Reichtum freuen. In seiner Nähe berührten sich Himmel und Erde, schöpften Menschen Hoffnung für Zeit und Ewigkeit.

Als Christinnen und Christen leben wir aus der Erfahrung und in der Gewissheit, dass dieser Friedenskönig auch heute kommt. Schauen wir uns doch um, auf das, was heute eben auch geschieht:
Siehe, Menschen gehen solidarisch miteinander um, sie lieben die anderen wie sich selbst!
Siehe, Menschen schauen einander über ihre Masken hinweg in die Augen und sehen den Gott, der im Kind von Bethlehem Mensch geworden ist!
Siehe, Menschen halten Abstand im Wissen, dass sie einander von Herzen verbunden und zugewandt sind!
Siehe, Menschen denken voller Liebe aneinander und beten füreinander über Grenzen und Horizonte hinweg!
Siehe, die Hilfe kommt in der Gemeinschaft der Menschen, die sich im leuchtenden Horizont der unendlichen Liebe Gottes begegnen und sie in verantwortlichem Handeln weitertragen.
Und das geschieht in unseren bedrückenden Tagen eben alles auch – täglich in so vielen Bereichen – in der Familie, in der Schule, in Krankenhäusern und Seniorenheimen, überall, wo wir uns in diesem Geist begegnen – inspiriert und motiviert durch den kommenden Gott: Jesus Christus!

Ja, liebe Gemeinde, Vieles ist heuer anders. Aber schauen wir uns um und an und gehen unseren Weg mit dem kommenden Gott! Ich glaube fest, dass wir so noch tiefer, ernster und hoffnungsfroher hören und vielleicht selber singen: „Tochter Zion, freue dich, sieh, dein König kommt zu dir!“ – Siehe, es ist Advent!

Amen

Lasst uns beten:
Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr.“ – Amen
(Text: Georg Weissel)

Die Nacht ist vorgedrungen
Orgelnachspiel über Nr. 16 im Evangelischen Gesangbuch; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper

Die Kollekte am 1.Advent, 29. November, ist je zur Hälfte für "Brot für die Welt" und zur Hälfte für unsere eigene Gemeinde bestimmt. Wenn Sie etwas spenden möchten, nutzen Sie bitte das Konto der Kirchengemeinde St. Stephan (Sie finden es hier in der rechten Spalte) und geben Sie als Spendenzweck "Brot für die Welt" und/oder "Kirchengemeinde St. Stephan" an. Herzlichen Dank.