Wochenandacht

für die Woche vom 9. bis zum 15. Mai


Vater unser im Himmelreich
Evangelisches Gesangbuch Nr. 344; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper


Predigt am Sonntag, 9. Mai, über Sirach 35, 16-22a,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider
 

Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt. Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt? Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.

Liebe Gemeinde,

in unserem Text macht sich jemand Gedanken darüber, warum das Gebet gegen schlechte Verhältnisse auf der Welt so oft nichts bringt. Und er findet eine Antwort, die ich sonst in der Bibel so nicht ausgedrückt finde. Er sagt: Doch, es bringt etwas, zu beten, wenn man unglücklich ist. Und wenn sich dann nichts ändert, soll man so lange Weiterbeten, bis sich eben doch etwas ändert. Denn es dauert einfach, bis das Gebet zu Gott durchdringt. Es hat einen langen Weg, bis durch die Wolken im Himmel hindurch. Aber eines Tages wird Gott eben doch antworten.

Das ist ein schöner und geradezu poetisch gefasster Gedanke. Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt. Das verlangt Geduld. Und was das heißt, lernen wir derzeit alle wieder einmal neu, denn auch Corona verlangt uns viel Geduld ab und viele mögen einfach nicht mehr immer weiter warten, gerade jetzt, wo sich die Lage langsam aufhellt.

Heute ist der Partnerschaftssonntag, an dem wir insbesondere an unsere Partnerkirche in Tansania denken. Auch damit hat unser Text zu tun. Das möchte ich Ihnen gerne erklären.

Im Jahr 2015 wurden in Tansania eine neue Regierung und ein neuer Präsident gewählt. An die Macht kann John Pombe Magufuli und er machte sich schnell einen Namen mit Maßnahmen gegen Korruption, Verschwendung und eine Reihe von anderen Dingen, die die tansanische Gesellschaft plagen. Er brachte auch eine Reihe von wirtschaftlichen Großprojekten auf den Weg. Und etwas langsamer, aber noch wirkungsvoller war er damit, dass er aus dem demokratisch verfassten Tansania ein autoritäres Land gemacht hat mit dem Verbot vieler Medien, mit der Verfolgung und teilweise Ermordung Oppositioneller und zuletzt - im vergangenen Herbst - mit einer ziemlich eindeutig gefälschten Wiederwahl. Sein Vorbild war nicht mehr der Westen, sondern China. Er reihte sich ein in eine ganze Reihe von autoritären Politikern, die auf der Welt in den vergangenen fünf bis zehn Jahren gewählt worden sind, wie Jair Bolsonaro in Brasilien oder Rodrigo Duterte auf den Philippinen.

Und wie Bolsonaro war auch Magufuli ein Corona-Verharmloser. Nach einer ersten Krankheitswelle Anfang des letzten Jahres erklärte er Tansania für Corona-frei. Gott hätte das bewirkt, weil die Leute dafür gebetet hätten. Seitdem gibt es einfach keine Corona-Zahlen für Tansania mehr und es war seitdem einfach verboten, zu behaupten, Corona würde in Tansania noch existieren, weil man damit der Regierung widersprochen hätte.

Seit Anfang dieses Jahres sind in Tansania eine ganze Reihe von Politikern und Personen des öffentlichen Lebens plötzlich gestorben, vor ein paar Wochen auch Magufuli selbst. Ihm folgt eine Frau als Präsidentin nach und nach ihren ersten Wochen im Amt sieht man zwar noch nicht viele praktische Maßnahmen, aber es scheint, nach dem, was sie sagt, als würde sie Corona nicht mehr verleugnen und Tansania wieder mehr Freiheit ermöglichen wollen. Das Land kann beides gebrauchen.

Magufuli hat behauptet, die Leute hätten gebetet und dann hätte Gott Corona aus Tansania weggenommen. Was ist da los? Warum hat er das getan? Ich nehme an, er hat das zumindest eine Zeit lang tatsächlich selber geglaubt. Aber nicht, weil er einfach dumm oder verrückt gewesen wäre, sondern weil er etwas getan hat, was in Tansania, wenn nicht in vielen anderen Teilen Afrikas, in der Kultur eine ernst zu nehmende Rolle spielt. Die alte Kultur, die erst seit etwa 100 Jahren auf einem langsamen Rückzug ist, war von Zauberei und Magie beherrscht. Also davon, dass man annimmt, dass es übernatürliche Regeln gibt, die wie - so würden wir sagen - die wie Naturgesetze funktionieren. Wenn man sie kennt, kann man sie nutzen. Es ist wie bei Harry Potter: Wenn ich das tue, bekomme ich dieses Resultat. Wenn ich jenes tue, bekomme ich jenes Resultat. Und von dieser Art zu denken haben sich viele Menschen im Lauf von 100 Jahren nicht wirklich verabschieden können, sondern sie existiert weiter und hat ihren Eingang auch ins Christentum und in andere Religionen wie den Islam gefunden.

Ich kann das jetzt nicht breit ausführen, aber es gibt viele Stellen in der Bibel, in denen das Judentum oder danach das Christentum zu sagen versuchen: Der Glaube an Gott hat nichts mit übernatürlichen Regeln zu tun, hat nichts mit Zauberei und Magie zu tun. Das wäre ein Missverständnis. Diese Missverständnis des Glaubens gab es in der antiken Welt auch schon; es ist ein Phänomen auf der ganzen Welt, dass man ein magisches Weltbild, ein Weltbild von übernatürlichen Regeln und Gesetzen auf die Religion und auf das Christentum projiziert und dann zum Beispiel auch die Bibel als ein Buch von Rezepten liest, die einem helfen, ein Leben voller Erfolg und Selbstverwirklichung führen zu können. Es gibt hier auch Ähnlichkeiten zum evangelikalen oder fundamentalistischen Christentum, wie es nicht zuletzt in Amerika existiert.

Das ist ein ziemlich großes Thema, dem ich hier kaum gerecht werden kann. Aber ich denke, unseren Predigttext kann man auf diesem Hintergrund zumindest auch lesen und verstehen. Gott hört doch Gebete. Und besonders dann, wenn sie von jemandem kommen, der im Unglück sitzt. Es funktioniert aber nicht so, dass man nach einem bestimmten Rezept beten muss oder bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss und dann kommt die Erfüllung. Das wäre ein magisches Missverständnis der Religion. Sondern es ist und bleibt ein Geheimnis um unser Beten und um seine Erhörung. Also ob es erst einmal eine Zeit bräuchte, bis es bei den Wolken ankommt. Und durch die muss es dann erst einmal hindurch, um ganz bei Gott anzukommen. Daher brauchen wir Geduld. Denn irgendwann wird er antworten. Und dann wird sich etwas verändern. Ob in dieser oder erst in der kommenden Welt - das wird man sehen. Aber dass das Gebet eines unglücklichen Menschen ohne Antwort von Gott bleibt, das gibt es nicht. Nicht, weil das ein Gesetz wäre. Sondern weil Gott treu ist. Weil man sich auf ihn verlassen kann. Weil er uns liebt. Weil er uns versteht. Und weil er das Unglück ja auch nicht will. Darauf können wir bauen. Das ist unsere Hoffnung.

Amen

Vater-Unser-Sonate
von Felix Mendelssohn Bartholdy; Orgel: KMD Ingrid Kasper


Die Kollekte am Sonntag, 9. Mai, ist je zur Hälfte für unsere Partnerdiözese Meru in Tansania und für die Kirchengemeinde St. Stephan bestimmt. Wenn Sie etwas spenden möchten, nutzen Sie bitte das Konto der Kirchengemeinde St. Stephan (Sie finden es hier in der rechten Spalte) und geben Sie als Spendenzweck "Meru" und/oder "Kirchengemeinde St. Stephan" an.
Wenn Sie nur für den allgemeinen Zweck und nicht für die Kirchengemeinde spenden möchten, können Sie ab einer Spendenhöhe von 5 € auch das Online-Spendenportal der Bayerischen Landeskirche nutzen.
Herzlichen Dank.