Wochenandacht

für die Woche vom 23. bis zum 29. Januar


Morgenglanz der Ewigkeit
Evangelisches Gesangbuch Nr. 450; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper


Predigt am Sonntag, 23. Januar, über Matthäus 8, 5-13,
von Dekan Hans-Martin Lechner

Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s. Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

Liebe Gemeinde von St. Stephan,

in der Gemeinde des Matthäus gibt es große Probleme: Zwei Gruppen stehen einander in zunehmender Verhärtung gegenüber, die Traditionalisten und die Völkermissionare. Die einen sehen den Glauben nahezu ausschließlich im Nahbereich verwirklicht. Sie setzen auf die überkommenen Regeln und suchen darin Schutz und Geborgenheit. Die anderen freuen sich an Weite und Freiheit, sie haben alle Völker im Blick und schätzen den Reichtum vielfältiger Prägungen der unterschiedlichen Menschengruppen. – Die Konfrontation ist so groß, dass die Gemeinde über dieser immer größer werdenden Spaltung zu zerbrechen droht. –

In dieser so bedrückenden Situation erzählt Matthäus seiner Gemeinde die Geschichte von Jesus und dem Hauptmann in Kapernaum. Sie soll vermitteln und eine Perspektive des Miteinanders über alle Unterschiede hinweg eröffnen! – Und ich glaube: Sie kann das. –

Da ist also dieser römische Hauptmann. Er kommt aus einer ganz anderen Welt als der Jude Jesus. Er ist ein fürsorglicher Chef, der sich voller sehnender Hoffnung bei Jesus für seinen so sehr kranken Knecht einsetzt. Vielleicht ist Jesus der letzte Strohhalm für den Kranken?! Der Hauptmann nutzt ihn und geht mit hohem Respekt vor Jesus und mit klaren Worten auf ihn zu. Er ist ganz offensichtlich perfekt als Berufsoffizier. Man könnte sagen ein säkularer aber doch religiös interessierter Mensch, der die Grundregeln des jüdischen Glaubens kennt und weiß, dass Jesus sein Haus, das Haus eines Römers, eines heidnischen Nicht-Juden, aus religiösen Gründen nicht betreten darf.  – Und dann kommt´s: Der Hauptmann selbst baut Jesus eine Brücke und sagt: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, aber sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.“ – Welch´ ein Glaube?! –

Jesus kann sich nur wundern, ist tief beeindruckt und staunt über den klugen, kundigen, aus dem Herzen kommenden Glauben des Offiziers. Jesus ist überwältigt und führt keine lange spitzfindig-theologische Diskussion, die jetzt eigentlich dran wäre. Jesus sieht das durch und durch menschliche Anliegen des Hauptmanns und folgt dem Gebot der Stunde, dem Gebot schlichter Menschlichkeit: „Geh hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und der Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.“

Jesus ist von dem Glauben des religiös an sich Fernen so sehr berührt, dass in ihm die große alte Sehnsuchtsvision von der Gemeinschaft der Völker, die aus allen Himmelsrichtungen kommen und sich am Tisch der Freiheit, des Friedens und der Freude, der Barmherzigkeit und der Liebe versammeln, aufleuchtet.  Es ist dieser Glaube, der durch und durch von Vertrauen und Barmherzigkeit geprägt ist, der eben in der Nähe Jesu ganz besonders spür- und wahrnehmbar ist und Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg schafft. 

Darum geht es bei Jesus von Anfang an und letztlich immer bis in Ewigkeit: Um die grundlegende Barmherzigkeit aus Gott und durch ihn unter uns Menschen - ohne Unterschied. Es geht um Empathie und Mitgefühl, um ehrliche Herzlichkeit, in der Geborgenheit und Weite, Tradition und Freiheit zueinanderfinden, wie die zwei Seiten derselben Medaille, wie die zwei Herzkammern des Lebens. In, bei und durch diesen Jesus geschieht´s. Er, seine Liebe, wirkt wider alle Spaltung, integrierend und inklusiv. Ja, das ist die Quintessenz des Glaubens: „Es geht um die Liebe und um das Erbarmen …“ – wie wir mit beeindruckend aufsteigender Melodie so ganz von Herzen im Jubiläumsjahr 2020 in unserem Stephanslied gesungen haben. Welch´ ein Motto für eine, für unsere, für jede Gemeinde! –

Liebe Gemeinde, ist das nicht ein wichtiger, wenn nicht der entscheidende und heilsame Impuls in unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation?! - Regelmäßig „spazieren“ Tausende von Menschen durch unsere Stadt – vordergründig aus Angst vor der Impfung, was auch ernst zu nehmen ist – aber dann letztlich doch unter der Flagge des Rechtsextremismus, des Hasses gegen Andersdenkende, des Rassismus und des Antisemitismus – in Summe, des Hasses gegen unsere freiheitliche Grundordnung, die ja ihrem Wesen nach Garant für Barmherzigkeit sein will. – Und bei allem Respekt: Das ist wirklich schlimm und überaus beängstigend. -

Dieser Hass geht um Christi willen gar nicht und wird nur zerstören. – Schauen wir darum auf das große Vorbild des Hauptmanns aus Kapernaum, auf seinen Glauben und auf sein Vertrauen, getragen von angemessenem Wissen und vor allem von einem grundlegenden Respekt dem anderen Menschen gegenüber. – Jesus bestätigt all´ dies. So verbinden sich Völker aus allen Himmelsrichtungen. Sie spüren, was dem Leben wirklich dient.

Täglich läuten in unserem Bamberg – am Sonntag heute und genauso an jedem Werktag – in ökumenischer Verbundenheit von Früh bis Abend so viele Glocken. Ich freue mich über jeden Glockenschlag, denn jeder Ton erinnert uns an die große Barmherzigkeit Gottes mit der er mir und uns allen, jedem Menschen, täglich neu begegnet. Diese Barmherzigkeit Gottes verpflichtet uns zur Barmherzigkeit mit uns selbst und untereinander. Sie ebnet den Weg zur wohltuenden Balance von Freiheit und Verantwortung.

Dazu gehört ein weiterer wichtiger Aspekt. Jesus sagt vom Hauptmann: „Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!“ und er meint damit die vermeintlich Nahen, die so sehr auf die Tradition mit all´ ihren Facetten setzen, letztlich allzu sehr auf sich selbst oder auf ihre Institution bezogen sind.  Es ist der barmherzige Aufruf Jesu zur Selbstkritik, seine Einladung zur Ehrlichkeit mit sich selbst und der Welt, die Ermunterung, Fehler einzugestehen, weil sich nur so neue Möglichkeiten öffnen und Wege ebnen in eine gute Zukunft.

„Geh hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast!“ – Das Leben ist kein Spaziergang. Aber in der Nähe Jesu, im Vertrauen und Hoffen auf ihn, ist es ein Weg voller Mitgefühl und Respekt voreinander, in Gemeinschaft und Liebe, in Frieden und Freiheit. – Gehen wir ihn gemeinsam mit unserem Herrn und Bruder Jesus Christus – es ist heilsam, gerade in unseren Tagen.

AMEN

 

Toccata
von Gaston Belier; Orgel: KMD Ingrid Kasper


Die Kollekte am Sonntag, 23. Januar, ist je zur Hälfte für das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland und für die eigene Gemeinde bestimmt. Wenn Sie etwas spenden möchten, nutzen Sie dafür bitte das Konto der Kirchengemeinde St. Stephan - Sie finden es, wenn Sie hier klicken, in der rechten Spalte - und geben Sie als Spendezweck entweder "Diakonisches Werk" oder "Kirchengemeinde" an oder beides.