Wochenandacht

für die Woche vom 28. Februar bis zum 6. März


Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit
Evangelisches Gesangbuch Nr. 801,6; Gesang: KMD Ingrid Kasper


Predigt für den 2. Sonntag der Passionszeit (Reminiszere)
über Jesaja 5,1-7                                             
von Pfarrer Johannes Wagner-Friedrich

1Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. 3Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? 5Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. 7Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Liebe Gemeinde,
gibt es ein traurigeres Bild wie einen verheerten Weinberg? So viel Arbeit hat der Weingärtner in ihn gesteckt, so viel Liebesmüh auf jeden einzelnen Rebstock verwendet. Und jetzt stellt Jesaja hoch dramatisch, in einer öffentlichen Performance seinen Zuhörerinnen und Zuhörern einen verwüsteten und zerstörten Weinberg vor Augen. Ein Anblick der Freude verwandelt in ein Abbild der abgrundtiefen Enttäuschung. Von dem sich doch alle Welt eigentlich nur abwenden mag, so trostlos sieht das alles aus. Disteln und Dornen, eine einzige Wüstenei, von wilden Tieren aufgeworfen und zerwühlt, was ursprünglich mal eine „fette Höhe“ war.
Aber Jesaja mutet das den Passanten und Zaungästen zu. Heute würde man das vielleicht eine offene Provokation nennen. Denn die Schilderung des Weinbergschicksals beschreibt in poetischen Bildern den Zustand des Landes Juda, die Lage im Land. Gott hat keine Lust mehr an Euch, weil ihr einfach schaltet und waltet nach eurem eigenen Gutdünken. Recht und Gerechtigkeit habt ihr für nichts erachtet, anders lässt es sich gar nicht erklären, dass ihr nicht bestehen konntet im Ansturm fremder Heere und Mächte.
Und doch, dieser Unort, dieser dysfunktionale Ort, war einmal unter der Pflege des Weingärtners so ein vielversprechendes, verheißungsvolles Fleckchen Erde. Den Boden hat er bereitet, Stein für Stein, die den Wurzeln im Weg sein könnten, hat er mit seinen eigenen Händen herausgelesen. Beste Rebstöcke hat gesetzt. Für Schutz und Erntevorbereitungen hat er gesorgt. Kann einer sagen, warum unter solchen Voraussetzungen der Weinberg so einen schauerlichen Essig hervorbringt?
Immer näher, immer drängender rückt die Frage nach der Ursache. Jesaja sagt auf einmal „ich“ und „mein“, nicht mehr „er“ und der „liebe Freund“. „Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm?“ Bist du nun der Weingärtner, Jesaja, oder an wessen statt sprichst du denn da? Wer ist dieser ominöse „Ich“, der über seinen einmal geliebten Weinberg verzweifelt? „Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?“

Da könnte eine enttäuschte Liebe nun umkippen in eine Abkehr, in ein Schweigen. Eine fruchtlose Liebe, eine Liebe ohne Widerhall braucht keine Bilder mehr, keine Poesie, würden wir wahrscheinlich denken. Lass es, Weingärtner!
Doch dieser Weingärtner ist anders. Er ist es mit ganzem Herzen und aus tiefster Seele. Seine Leidenschaft ruft neue Bilder hervor. Was, wenn der Schutz für den Weinberg fehlt? Was, wenn die Disteln und Dornen die Reben ersticken? Und dann auf einmal die düsterste Vision: Was, wenn ich den Wolken gebiete, dass sie nicht darauf regnen?
Da fällt der Schleier für den Ahnungslosesten. Der Weingärtner ist Gott selbst, dem es das Herz zerreißt, wie gering seine geliebten Menschen all seine Liebe und Mühe achten, die er auf sie wieder und wieder verwendet hat, im Schweiße seines Angesichts. Recht und Gerechtigkeit, die ertragreich sind für alle Menschen, fallen eben nicht vom Himmel, sondern gehören gestaltet. Da sind schon wir gefragt, sagt Jesaja seinen Leuten, ein bisschen dürfen wir schon antworten auf diese Lebensgrundlagen, die uns der Weingärtner bereitet hat, wir sind doch keine hohlen Gefäße. Wenn wir uns nicht für Recht und Gerechtigkeit einsetzen, gegen ein einfach weiter so ankämpfen, allein schon auf dem Fleckchen Erde oder in der Stadt, in der wir leben, was wundern wir uns dann in unseren Blechlawinen, die wir tapfer verteidigen, über den ausbleibenden Regen?
Wo auch immer es an Recht und Gerechtigkeit mangelt und das Leben von Disteln und Dornen aufgezehrt wird, gäbe es eigentlich nichts zu hoffen, schenkte Gott uns nicht Tag für Tag Barmherzigkeit.
Amen.   

 

Aus tiefer Not
von Max Reger; Orgel: KMD Ingrid Kasper

 

Die Kollekte am Sonntag, 28. Februar, ist je zur Hälfte für die diesjährige Fastenaktion "Füreinander einstehen" und für die Kirchengemeinde St. Stephan bestimmt. Wenn Sie etwas spenden möchten, nutzen Sie bitte das Konto der Kirchengemeinde St. Stephan (Sie finden es hier in der rechten Spalte) und geben Sie als Spendenzweck "Fastenaktion" und/oder "Kirchengemeinde St. Stephan" an. Herzlichen Dank.