Andacht für die Woche von 26. Juli bis 1. August

Nun lasst uns Gott, den Herren
Evangelisches Kirchengesangbuch Nr. 320; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper

Predigt zum Sonntag, 26. Juli, über Hebräer 13, 1-3
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt. (Hebräer 13, 1-3)

Liebe Gemeinde,

ein Text mit drei Beispielen für die Liebe ist das heute, vielleicht nicht mit denen, die uns die naheliegendsten sind, aber drei einleuchtende Beispiele sind es schon. Und jedes von ihnen hat eine Begründung. Begründungen gibt es nicht immer für moralische Gedanken im Neuen Testament. Ich möchte deshalb mit Ihnen heute über diese drei Begründungen nachdenken.

Das erste Beispiel ist die Gastfreundschaft. Mich begleitet schon einen großen Teil meines Lebens lang das eindrücklichste Beispiel für Gastfreundschaft, das ich selbst erlebt habe. Das war im Jahr 1983, ich studierte gerade Theologie und machte mit einem Freund eine Reise durch die damalige Türkei. Das Ganze ist so lange her und ich war nie wieder dort, so dass ich über die Türkei heute oder die Menschen hier und dort wirklich nichts mehr sagen kann und will, aber damals, vor Jahrzehnten, sind wir über Tausende von Kilometern haufenweise Menschen begegnet, die uns zum Tee oder zu noch mehr eingeladen haben, die uns weitergeholfen haben, die sich für uns interessiert haben. Negative Erlebnisse, die wir auch hatten, verblassen vollkommen angesichts des Eindrucks, die mir diese Freundlichkeit Fremden gegenüber gemacht hat - eine Freundlichkeit, wie ich sie seitdem nirgendwo anders mehr in diesem damaligen Ausmaß erlebt habe. Und wir hatten grundsätzlich den Eindruck: Diese Freundlichkeit ist echt. Da gab es nichts zu berechnen. Es beschäftigt mich immer noch, dass das in einem Land gewesen ist, das nicht vom Christentum geprägt ist. Die Verhältnisse in Deutschland waren und sind davon jedenfalls viele Meilen entfernt.

Im Lauf der Jahre habe ich dann aber noch etwas anderes gelernt, was hier auch eine Rolle spielen könnte. Wie Sie vermutlich wissen, habe ich 10 Jahre in Afrika, in Tansania gelebt und gearbeitet. Meine Frau und ich sind keine gastunfreundlichen Menschen, aber meine Frau und ich waren nie so gastfreundlich wie damals in Afrika - wo sich auch automatisch ständig neue Gelegenheiten dafür ergeben haben. Immer wieder haben wir Menschen bei uns übernachten lassen, immer wieder haben andere bei uns gegessen, auch wenn sie nur auf der Durchreise waren. In einem Land, in dem es an vielem mangelt, an vielem von dem, was hier in Deutschland selbstverständlich geworden ist, da ist es irgendwie klar, dass man sich gegenseitig hilft. Auch uns ist geholfen worden, aber nicht von denen, denen wir geholfen haben. Da gab es keine Berechnung, sondern das war eher so etwas wie ein allgemeiner Zustand. Und er war anders als es hier in Deutschland ist. Ich frage mich, ob es früher einmal auch hier so ähnlich war. Oder zu biblischen Zeiten dort, wo der Hebräerbrief geschrieben wurde, zum Beispiel. Ich vermute es, aber ich weiß es nicht.

Aber was gibt der Hebräerbrief als Begründung an? Durch Gastfreundschaft haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Das sagt zwei Dinge: Erstens kann es einen enormen Nutzen haben, für andere oder sogar für Gott, wenn man jemandem weiterhilft. Vielleicht stellt sich das erst nach langer Zeit und an einem ganz anderen Ort heraus. Aber es war wichtig. Jede Kleinigkeit kann ungeahnte positive Folgen haben. Das ist auch Gott nicht egal.
Und da ist auch noch das zweite: Engel beherbergt zu haben ohne es zu wissen. Wir wissen es nicht. Es gibt keine unmittelbare Offensichtlichkeit, es gibt auch keine direkte Belohnung. Manches werden wir nie erfahren, oder zumindest nicht in dieser Welt. Erst wenn einmal der Schleier gelüftet wird, wenn wir auf diese Welt und dieses Leben zurückschauen, werden wir es sehen: wo überall Engel um uns waren. Wo überall wir wirklich mit Gott zu tun hatten. Wo überall wir etwas getan haben, was gut war sogar für ihn.

Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene. Das tun wir normalerweise nicht. Auch ich tue es normalerweise nicht, dafür habe ich einen Kollegen, Pfarrer Wagner-Friedrich, der macht die Arbeit im Gefängnis. Aber es gibt sie, die Arbeit im Gefängnis: Gottesdienste, Veranstaltungen, Besuche und Gespräche dort. Fühlen wir uns deswegen wie Mitgefangene? Wohl eher nicht. Aber ich frage mich: Sind es nur die Gefängnisse, wo wir von Gefangenen sprechen können? In Corona-Zeiten kommt es mir - vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben - so vor, als wären wir alle miteinander Mitgefangene. Niemand ist wirklich sicher, niemand kann sich wirklich sicher sein. Manche sind Gefangene ihrer Vorerkrankungen. Manche sind Gefangene ihrer Angst. Manche wagen sich kaum noch aus dem Haus. Andere dürfen nur noch wenig Besuch empfangen, in ihrem Heim, oder im Krankenhaus. Denkt auch an diese Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene. Der Satz ist nicht nur eine romantische Idee. Er hat tatsächlich einen Sinn. Und man möchte ihn am liebsten auch denen sagen, denen die Vorsichtsmaßnahmen egal sind, die sich anscheinend sagen: Ich werde mich doch nicht von Regeln einschränken lassen, schlimm trifft es doch eh bloß die anderen. Oder wie es Boris Palmer gesagt hat: Wir retten Menschen, die sowieso in einem halben Jahr sterben werden. Das lohnt sich doch gar nicht. Abgesehen davon, dass das so nicht stimmt - das Gefühl, dass wir alle Mitgefangene sind, ist derzeit zwar bei sehr Vielen verbreitet, aber eben doch nicht bei allen. Insofern hat der Hebräerbrief mit seiner Begründung mehr recht als man auf den ersten Blick meinen könnte.

Denkt an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt. Das ist jetzt noch einmal so etwas Ähnliches. Empathie könnte man das nennen. Versetzt euch doch einmal in ihre Lage. Sie sind ja nicht anders als ihr. Wir sind doch alle Menschen. Misshandlungen und Missbrauch gibt es leider an vielen Orten. Dass es sie ausgerechnet auch in den Kirchen gegeben hat, und in der katholischen Kirche in einem noch größeren Ausmaß - wo doch jeder einzelne Fall schon ein Verbrechen ist -, ist eine unglaubliche Schande für das Christentum. Ich schäme mich wirklich für das, was da in den letzten Jahren und Jahrzehnten aufgedeckt worden sind. Als ob es die Bibel in den Kirchen nie gegeben hätte. Als ob Jesus völlig egal wäre. Dabei steht er auf der Seite der Mißhandelten. Gegen Einzelfälle ist man nirgends von vornherein geschützt, aber das war ja gar nicht das Problem. Man weiß nicht mehr, was für Worte man hier überhaupt gebrauchen soll. Die Kirchen reden dann gerne von „Versagen“. Aber das reicht doch nicht.

Und insgesamt und überhaupt: Denkt an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt. Man kommt dabei an überhaupt kein Ende mehr. Die Folterkeller der Diktatoren dieser Welt, die Folterkeller der Mafia und der Serienmörder, die Kriege, die Vergewaltigungen - es ist kein Vergnügen, was dieser Satz uns empfiehlt: Auch ihr lebt doch im Leibe, das heißt ja auch: Das kann euch doch noch genauso passieren. Und können wir wirklich sicher sein, dass uns all so etwas nicht passieren wird, nur, weil wir es vielleicht bisher nicht erlebt haben? Aber auch: Wäre es dann nicht gut, wenn jemand an uns denken würde? Wenn wir nicht einfach von der Welt vergessen würden? Wenn es nicht einfach sinnlos wäre, dass wir vielleicht einmal leiden oder gar verschwinden? Es ist gut, dass es auf der Welt so ist, dass Menschen sich bemühen, dass das Vergessen nicht überhand nimmt. Gut, dass wenigstens ein Teil der Verbrechen aufgearbeitet wird. Auch das war einmal ein Erlebnis in Afrika: Auf einer Tagung in Tansania habe ich mich einmal mit einem Professor aus Uganda unterhalten, und er sagte mir: Das hätte sich Präsident Charles Taylor von Liberia nie gedacht, dass er sich eines Tages vor dem Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag für seine Kriegsverbrechen würde verantworten müssen. In der Tat lief damals ein Prozess gegen diesen grausamen Diktator, es war der erste Prozess gegen ein ehemaliges Staatsoberhaupt und man hatte dafür einen Sondergerichtshof eingerichtet. Und der Mann aus Uganda fügte hinzu: Sie glauben gar nicht, wie wichtig es für uns Afrikaner ist, dass es diesen Gerichtshof in Europa gibt.

Nein, ich hatte in der Tat noch nie darüber nachgedacht, wie wichtig es selbst für andere Kontinente sein könnte, dass es diesen Gerichtshof gibt. Es ist der einzige solche Gerichtshof auf der Welt, und er hat seine Wurzeln in der Kultur des Christentums, aus der so vieles stammt, was wir heute in Europa für wichtig halten.

Ohne das Christentum wäre die Welt ärmer. Auch wenn die Kirchen vieles falsch machen: Das Christentum hat die Welt bereichert. Zum Beispiel damit, dass es uns Menschen lehrt, auch die anderen zu sehen. Weil auch wir sind wie sie. Weil auch sie sind wie wir. Und weil Gott sie liebt und uns liebt. Ohne Ausnahme. Ohne Bedingungen. Und darum vergisst er uns auch nicht, uns und niemand anderen. Die Welt kann vergessen. Gott wird es nicht.

Amen

Galliard
Orgel: KMD Ingrid Kasper

Die Kollekte am Sonntag, 19. Juli, ist zur Hälfte für unsere beiden Kindertagesstätten (Kinderhaus St. Stephan und Philippus-Kindergarten) und zur Hälfte für die unsere eigene Gemeinde bestimmt; wenn Sie dafür spenden möchten, nutzen Sie bitte das Konto der Kirchengemeinde (siehe hier, links unten) und nennen Sie die Kindertagesstätten und/oder die Kirchengemeinde als Spendenzweck. Vielen Dank dafür!