Andacht für die Woche vom 24. bis 30. Mai

Parallel zu den Gottesdiensten, die inzwischen in der Stephanskirche wieder möglich sind, veröffentlichen wir weiterhin die Andacht der Woche oder für einen Feiertag, zu der auch Dekanatskantorin Ingrid Kasper und andere Menschen Musik einspielen. Neben dem Wochenlied "O komm, du Geist der Wahrheit" hören Sie diese Woche das Terzett aus J.S. Bachs Konzert für Oboe und Violine.

O komm, du Geist der Wahrheit
Evangelisches Gesangbuch Nr. 136; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper

Predigt zum Sonntag Exaudi, 24. Mai, von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den anderen noch ein Bruder den anderen lehren und sagen: „Erkenne den Herrn“, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.
Jeremia 31, 31-34

Liebe Gemeinde,

wir haben hier sozusagen das Ende des Alten Testaments vor uns. Der Bund, den Gott mit Hilfe von Moses mit den Israeliten geschlossen hat, er geht zu Ende. Wann genau, wird nicht gesagt, aber das Ende soll kommen. Und ein neuer Bund soll an seine Stelle treten, der nicht mehr wie der alte sein wird.

Im Christentum ist man sich einig, dass dieser neue Bund das Christentum ist. Auch Jesus hat von dem neuen Bund gesprochen, der durch ihn gekommen ist. So hat er zum Beispiel beim Abendmahl geredet. Der neue Bund, das sind dann also: Wir. Wir, die Christen. Was aber bedeutet das: diesen Bund mit Gott zu haben? Dazu heute ein paar Gedanken.

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Bibel, dass der Alte Bund, der mit Moses gekommen ist, im Alten Testament eigentlich kaum irgendwo genauer erklärt wird. Und diese Merkwürdigkeiten setzen sich darin fort, dass auch Jesus zwar den neuen Bund gestiftet hat, aber auch nicht allzu viel dazu zu erklärt hat, worin er eigentlich besteht. Es ist vor allem ein Satz, der im Alten Testament immer wieder als Inhalt des Alten Bundes genannt wird. Und es ist derselbe Satz, den auch der Prophet Jeremia hier zitiert - als Inhalt des Neuen Bundes. Es wird zwar auch vieles anders sein als im Alten Bund, aber in einem sind sich der Alte und der Neue Bund gleich, und darin haben sie ihr Zentrum. Sie bedeuten - sagt Gott -: Sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.

Darum geht es. Aber was bedeutet das?

Ich fange einmal so an: Der Bund mit Gott, den wir Christen haben, oder den Gott mit uns hat, die wir an ihn glauben, - der Bund mit Gott wird nicht von der Frage bestimmt: Was bringt es mir, zu glauben? Welchen Nutzen habe ich davon? Und genauso fragt sich Gott nicht: Was kriege ich von diesem oder jedem Menschen? Welchen Nutzen bringt er mir? Sondern der Bund heißt: Wir gehören zusammen. Wir sind jetzt zusammen und wir bleiben es auch.

Ich sage es noch einmal deutlicher: Es gibt keinen weltlichen, keinen innerweltlichen Sinn und Zweck, den dieser Bund erfüllen würde. Man könnte ihn geradezu als zweckfrei bezeichnen. Und das ist wichtig. Es ist nicht das einzige daran, aber das ist wichtig.

Es gibt nicht viele Erfahrungen, die man auf dieser Welt machen kann und die von innerweltlichem Sinn und Zweck frei sind. In den Beziehungen zu anderen Menschen ist diese Frage oft genug irgendwie vorhanden: Was nutzt er mir? Was habe ich von ihr? Was ist das wert, was der andere tut, kann man das messen, kann man das sehen, kann man das spüren, wieviel kostet das? Wo gibt es das, einen Ort, eine Beziehung, wo es nicht um das geht, was man leisten kann, was man bringt, was man in irgendjemandes Augen wert ist?

Es gibt sie, solche Erfahrungen, aber sie sind selten und sie sind kostbar. Im Erlebnis von Kunst kann das passieren, dass man etwas erlebt, was keinen unmittelbaren Nutzen hat oder keinen erkennbaren Zweck erfüllt. In der Liebe kann man es erleben, im Miteinander - ja doch, manches Mal schon, aber auch dort vermischt es sich oft und schnell wieder mit egoistischen Motiven oder mit Kalkulationen.

Und nun sagt Gott: Bei mir ist das nicht so. Bei mir nicht, dem Schöpfer der Welt. ich habe keine Kosten-Nutzen-Rechnung aufgestellt, als ich Dich geschaffen habe. Ich habe es aus reiner Liebe getan. Ich erwarte nicht, dass Du Leistungen produzierst. Nicht dadurch wirst du wertvoll für mich, sondern einfach dadurch, dass es dich gibt. Das ist alles. Das genügt. So ist es gut. Und dabei ist es völlig egal, was die Welt sagt.

Man hat das früher einmal Mystik genannt. Mystik heißt, dass man Gott irgendwie so erlebt, dass man mit ihm zusammen ist. Und dass das dann gut ist. Ich in ihm, er in mir, und ganz egal, was das nun bedeutet, es geht um das Zusammensein und darum, dass das in sich allein schon gut ist - diese Erfahrung haben die großen Mystiker zum Ausdruck bringen wollen, zum Beispiel Gerhard Tersteegen, von dem es einige Lieder in unserem Gesangbuch gibt. (Z.B „Gott ist gegenwärtig“, Lied Nr. 165)

Wir tun uns schwer mit so etwas. Das kommt daher, dass wir Menschen darauf ausgerichtet sind, dass wir einen Nutzen haben wollen. So funktioniert die Welt, das hat schon auch seinen Sinn so. Aber eben nicht hier. Und dass es bei Gott anders ist, das hat auch seinen Sinn. Denn es weist uns auf etwas anderes hin: Wenn es um unser Innerstes geht, wenn es um unsere Existenz geht, wenn es um den Sinn unseres Lebens geht, wenn es um die Frage geht: Wer bin ich? oder Wer liebt mich eigentlich? oder Wozu bin ich gut? - dann ist die Antwort von Gott: Ich bin immer bei dir, denn ich liebe dich so, wie du bist. Ich liebe dich ohne alles Drumherum, was Du selber schon gemacht hast. Ich liebe Dich, ohne auf die Dinge zu achten, die nicht gut gelaufen sind, ob das nun die Umstände waren oder deine eigenen Fehler. Das, sagt Jeremia, ist die Konsequenz aus dem Neuen Bund: Sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein - und ich will ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Das ist es außerdem auch, was der Heilige Geist bedeutet, an den wir uns an Pfingsten wieder besonders erinnern werden: Der Heilige Geist, das bedeutet: Gott in mir und ich in ihm. Das kann uns auf der Ebene des Erkennens betreffen, wenn mir Dinge über Gott klar werden, oder über Jesus, oder insbesondere über die Liebe, die er zu mir hat oder wie mein Leben für ihn im Angesicht der Ewigkeit aussieht. Das kann uns auf der Ebene des Gefühls betreffen, wenn wir Gottes Nähe spüren, wenn wir getröstet werden, wenn in uns eine Hoffnung wächst, die uns aus der Verzweiflung holt. Oder wenn wir einfach glauben und uns daran freuen können. Das ist das Werk des Heiligen Geistes. Ohne dass wir erst einmal groß nach speziellen Stärken suchen müssten, die er uns gibt, oder nach besonderen Kräften, die unser Leben verändern. Am Wichtigsten ist die Erfahrung, dass Gott mit uns ist und wir mit ihm, und dass das eine Erfahrung seiner Liebe ist. Alles andere, was das Christentum auch noch sein kann, ist demgegenüber zweitrangig.

Erlauben Sie mir eine etwas exotische Bemerkung: Wenn Sie die Bibel kennen, dann wissen Sie vielleicht, dass der Apostel Paulus hin und wieder darauf hinweist, dass manche Christen oder manche Gemeinden in der frühen Zeit in unbekannten Sprachen gebetet haben. Neben allem anderen, was man dazu sagen kann und wofür heute nicht die Zeit ist: Das ist auch so ein Hinweis auf etwas, was keinen besonderen Nutzen hat, sondern erst einmal zeigt, dass es um die Gemeinschaft mit Gott geht und dass diese sozusagen ihren Zweck in sich selber hat. Niemand muss in fremden Sprachen beten. Wem es aber gegeben ist, in fremden Sprachen zu beten, ob allein oder zu mehreren, der versteht selber nicht, worum er da betet. Es geht einzig und allein darum, mit Gott eins zu sein, und das kann man dabei spüren.

Aber wie dem auch sei … Wo immer wir sind und was immer das Leben mit uns macht, von einem kommen wir nicht wieder weg; nämlich dass Gott uns sagt: Ihr seid mein Volk und ich bin euer Gott. Und Gott ist der Meinung: Das genügt. Ja, es schließt einiges andere mit ein - die Vergebung der Sünden etwa wird von Jeremia ausdrücklich genannt. Aber was das in Wirklichkeit bedeutet, merken wir vielleicht im Leben nur wenige Male, und am ehesten dann, wenn Gott uns im Innersten anrührt und uns sagt: Du, ich habe dich lieb. Die vollständige Bedeutung dessen werden wir wohl erst sehen, wenn wir ihm einmal gegenüberstehen, in der anderen Welt, auf die wir zugehen. Dort wir er ganz unser Gott sein und unserer Sünde nimmermehr gedenken.

Amen

Terzett aus dem Konzert c-moll für Oboe und Violine
von Johann Sebastian Bach; Oboe: Barbara Bode, Violine: Boris Alexander Jusa, Orgel: KMD Ingrid Kasper

Die Kollekte am Sonntag Exaudi, 24. Mai, ist für die Diasporawerke der Evangelischen Kirche bestimmt, die vornehmlich Kirchen in Osteuropa unterstützen; wenn Sie dafür spenden möchten, nutzen Sie bitte das Konto der Kirchengemeinde (siehe hier, links unten) und nennen Sie die Kirchenmusik in Bayern als Spendenzweck. Vielen Dank dafür!