Gott ohne Macht ?



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hier ist Ihr Gemeindebrief

Das Bild auf der Vorderseite des Gemeindebriefes erzählt einen Ausschnitt einer ganz zentralen Geschichte des Neuen Testaments: Jesu Versuchung (Matthäus 4,1-11) Die Erzählung fängt gleich interessant an. Nach der Taufe Jesu und der Verheißung Gottes: „Dies ist mein lieber Sohn!“, heißt es da:

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. (Mt. 4,1)

Jesus wird mit den Versuchungen dieser Welt konfrontiert, unmittelbar nach der großartigen Verheißung, die er von Gott bekommen hatte. Es bleibt ihm also keine Zeit, sich darauf etwas einzubilden. Jesus geht nicht aus freien Stücken für 40 Tage und Nächte in die Wüste, sondern wird vom Geist Gottes dahin geführt. Sein Auftrag ist also kein vergeistigter, sondern als Sohn Gottes muss er sich auf diese Welt einlassen, so wie sie eben ist, auch mit ihren Versuchungen. Das hat wohl auch ein alter Bauer begriffen, als er mir vor Jahren erzählte: „Im Vaterunser bete ich nicht: ‚und führe mich nicht in Versuchung‘, sondern ich bete: ‚führe mich in der Versuchung‘, denn das kann man ja nicht vermeiden, den Versuchungen des Lebens ausgesetzt zu sein.“

Unser Titelbild zeigt die vielleicht größte und auch teuflischste (?) Versuchung des Menschen, das Verlangen und Streben nach Macht, das im Menschen angelegt ist. Um Macht im Sinne von Macht über andere zu erlangen, ist der Mensch bereit, sich auch auf faule Kompromisse einzulassen, oft natürlich nur um der Sache und des eigentlichen Ziels willen, nicht ahnend, welche Eigendynamik Macht ausüben kann. Jesus zieht eine klare Grenze. Lieber verzichtet er auf Macht und Anerkennung, als dass er sich, seine Werte, seinen Glauben verraten würde. Vielleicht weil er in den Abgrund menschlicher Versuchung geblickt hat, bleibt er auch weiterhin in seiner Botschaft, seinem Wirken, seinem Leiden bis hin zu seinem Tod am Kreuz diesem Weg treu: Lieber verzichtet er auf Macht. Das ist ein beeindruckender Weg!

Nun bekennt sich in der Taufe Gott selbst zu Jesus und zu dem Weg, den er geht. Und so muss man sich die Frage stellen, die auch der Titel unseres Gemeindebriefes stellt:

„Gott ohne Macht?“

Zumindest wenn man auf die Passionsgeschichte sieht, kann man schon diesen Eindruck gewinnen. Die spöttischen  Bemerkungen unter dem Kreuz tun sehr weh: „Hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!“ (Mt. 27,40) Warum wehrt er sich nicht? Warum zeigt er es seinen Gegnern nicht? Ist Gott ohne Macht?

Nein, aber er verzichtet bewusst auf die Macht, die Muskeln spielen lässt. Er macht nicht mit bei dem Spiel: Wer ist mächtiger? Wer ist stärker? Bei dem Spiel, bei dem es immer um Sieger und Verlierer geht. Denn Gott gibt niemanden verloren.

Gott ohne Macht?

Nein, aber er verzichtet bewusst auf die Macht, die jeden Widerspruch im Keim erstickt. Niemand soll in die Knie gezwungen werden. Niemandem soll der Mund verboten werden. Gott will die Herzen berühren und nicht Angst und Schrecken verbreiten.

Gott ohne Macht?

Nein, er verzichtet zwar auf die Macht der Gewalt, aber nicht auf die Macht der Liebe, die aushält und durchhält und vor allem bei den Menschen bleibt, die ohne Macht und ohne Chance sind. Die Macht der Liebe ist es, die die Strukturen der Macht und des Todes durchbricht und neues Leben entstehen lässt.

Darauf vertraut Ihr Walter Neunhoeffer


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